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Lesen Sie hier bitte das Buch "Geschichte der Stadt Gronau" von 1931, geschrieben von Pastor Th. Siegemann und Kantor W. Schramme, an Anlehnung an das Buch "Geschichte der Stadt Gronau" von 1831, geschrieben von Röbbelen. 

Es ist in Altdeutsch geschrieben, und ich gebe es so wieder, wie es geschrieben steht.

Viel Spaß beim Lesen! 

 

Vorwort (Seite 5)



 Im Jahre 1832 gab der damals in Gronau lebende Arzt Dr. A. H. Röbbelen eine "Geschichte der Stadt Gronau" heraus (erschienen bei Herold und Wahlstab in Lüneburg). Mit großem Fleiß hat darin die Vergangenheit seiner Heimatstadt  auf Grund der ihm zugänglichen Quellen und seiner eigenen Kenntnis geschildert. Das Buch, längst vergriffen, ist heute nur noch in wenigen Stücken vorhanden, die natürlich als wertvoller Besitz geschützt werden.

Fast ein Jahrhundert war seit dem Erscheinen des Röbbelenschen Buches vergangen, als sich der Wunsch nach einer Neubearbeitung der Gronauer Stadtgeschichte und ihrer Fortführung bis zur Gegenwart immer mehr regte. Die  Stadtverwaltung nahm sich der Sache an und übertrug nach verschiedentlichen Vorbesprechungen den beiden Unterzeichneten die Neuherausgabe der Stadtgeschichte. Sie haben es nicht als ihre Aufgabe angesehen, ein wissenschaftlich  gelehrtes Werk zu verfassen. Ihr Ziel war vielmehr, in volkstümlicher Darstellung den Lesern, jung und alt, die Geschichte unserer Heimatstadt Gronau näher zu bringen, durch Kenntnis der Vergangenheit Verständnis für die Gegenwart  und Glauben an die Zukunft zu wecken.

Die Abschnitte "Allgemeine Geschichte, Kirchen, Handwerk, Verkehr und Wirtschaft" sind von Pastor Siegemann, die übrigen Abschnitte von Kantor Schramme bearbeitet.

Herzlichen Dank sei an dieser Stelle besonders der Stadtverwaltung gesagt, daß sie durch ihr freundiches Entgegenkommen und durch Übernahme der Kosten das Erscheinen des Buches ermöglicht hat. Dank auch allen denen, welche durch Auskünfte und Mitteilungen den Verfassern mit Rat und Tat geholfen haben. Möge das Buch, wie es einst bei Röbbelens Geschichte der Fall war, eifrige Leser finden, vor allem in unserer Stadt selbst, der zu dienen es ja bestimmt ist, bis ------- vielleicht wieder nach 100 Jahren, abermals eine Neubearbeitung der Stadtgeschichte notwendig werden wird. 

Gronau, im November 1931

Th. Siegemann, Pastor                    W. Schramme, Kantor

 

Der Stadtverwaltung Gronau ist es ein aufrichtiges Bedürnis, den beiden Verfassern unserer neuen Stadtgeschichte, Herrn Pastor Th. Siegemann und und Herrn Kantor W. Schramme namens der ganzen Stadt herzlich zu danken für die große Mühe und selbstlose Bereitwilligkeit, mit der sie diese Arbeit auf sich genommen und durchgeführt haben. Sie haben Ihrer Heimatstadt damit ein Geschenk gemacht, dessen sich jeder Gronauer, heute und künftig, freuen kann und das hoffentlich zur Verstärkung und Vertiefung der Heimatliebe beitragen wird. Ein solcher Erfolg dürfte den Verfassern der schönste Lohn sein.

 

Der Magistrat

 

Keuneke           Göttgens              Allewelt

 

Inhalt

Vorwort ......................................................5
Allgemeine Geschichte. ......................................................9
Die Stadtverwaltung  ....................................................39
Die Kirchen  ....................................................55 
Die Schulen  ....................................................86 
Feldmark, Fischerei und Flößerei  ..................................................102 
Das Handwerk  ..................................................109 
Verkehr und Wirtschaft  ..................................................117 
Feuer- u. Wassersnöte  ..................................................126 
Gesundheitsverhältnisse  ..................................................132 
Ein Gang durch Gronau  ..................................................136 
Quellenangabe  ..................................................155 

 

Verzeichnis der Tafeln

Tafel 1 Gesamtansicht der Stad Gronau (1931)
Tafel 2  Bronze-Weihkessel aus Empeda (12. Jahrhundert) 
Tafel 3  Flügelaltar der St. Matthäikirche 
Tafel 4  Abendmahlkelch in der St. Matthäikirche 
  Siegel der Stadt Gronau aus dem Jahre 1434 
  heutiges Stadtsiegel 
Tafel 5  Die katholische St. Josephkirche 
Tafel 6  Die Kreismittelschule 
Tafel 7 v. Engelbrechtenscher Hof
Tafel 8 Tausendjährige Eiche auf dem Bantelner Weg, Stammumfang 7 1/2 Meter

 

Aufnahmen

Zu Tafel 1, 3, 4 Abb. 1, 5, 6, 7 Wilhelm Breiner, Gronau

Zu Tafel 2 Provinzial-Museum Hannvoer

Zu Tafel 8 Wilhelm Brunotte, Gronau

Die Bilder der Tafeln 2, 4 Abb. 1 und 2 und Tafel 7 sind mit freundlicher Erlaubnis des Herausgebers und des Verlegers dem Buche "W. Barner, Unsere Heimat" entnommen.

 

 

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Lesen Sie hier bitte das Buch "Geschichte der Stadt Gronau" von 1931, geschrieben von Pastor Th. Siegemann und Kantor W. Schramme, an Anlehnung an das Buch "Geschichte der Stadt Gronau" von 1831, geschrieben von Röbbelen. 

Es ist in Altdeutsch geschrieben, und ich gebe es so wieder, wie es geschrieben steht.

Viel Spaß beim Lesen! 

 

Vorwort (Seite 5)



 Im Jahre 1832 gab der damals in Gronau lebende Arzt Dr. A. H. Röbbelen eine "Geschichte der Stadt Gronau" heraus (erschienen bei Herold und Wahlstab in Lüneburg). Mit großem Fleiß hat darin die Vergangenheit seiner Heimatstadt  auf Grund der ihm zugänglichen Quellen und seiner eigenen Kenntnis geschildert. Das Buch, längst vergriffen, ist heute nur noch in wenigen Stücken vorhanden, die natürlich als wertvoller Besitz geschützt werden.

Fast ein Jahrhundert war seit dem Erscheinen des Röbbelenschen Buches vergangen, als sich der Wunsch nach einer Neubearbeitung der Gronauer Stadtgeschichte und ihrer Fortführung bis zur Gegenwart immer mehr regte. Die  Stadtverwaltung nahm sich der Sache an und übertrug nach verschiedentlichen Vorbesprechungen den beiden Unterzeichneten die Neuherausgabe der Stadtgeschichte. Sie haben es nicht als ihre Aufgabe angesehen, ein wissenschaftlich  gelehrtes Werk zu verfassen. Ihr Ziel war vielmehr, in volkstümlicher Darstellung den Lesern, jung und alt, die Geschichte unserer Heimatstadt Gronau näher zu bringen, durch Kenntnis der Vergangenheit Verständnis für die Gegenwart  und Glauben an die Zukunft zu wecken.

Die Abschnitte "Allgemeine Geschichte, Kirchen, Handwerk, Verkehr und Wirtschaft" sind von Pastor Siegemann, die übrigen Abschnitte von Kantor Schramme bearbeitet.

Herzlichen Dank sei an dieser Stelle besonders der Stadtverwaltung gesagt, daß sie durch ihr freundiches Entgegenkommen und durch Übernahme der Kosten das Erscheinen des Buches ermöglicht hat. Dank auch allen denen, welche durch Auskünfte und Mitteilungen den Verfassern mit Rat und Tat geholfen haben. Möge das Buch, wie es einst bei Röbbelens Geschichte der Fall war, eifrige Leser finden, vor allem in unserer Stadt selbst, der zu dienen es ja bestimmt ist, bis ------- vielleicht wieder nach 100 Jahren, abermals eine Neubearbeitung der Stadtgeschichte notwendig werden wird. 

Gronau, im November 1931

Th. Siegemann, Pastor                    W. Schramme, Kantor

 

Der Stadtverwaltung Gronau ist es ein aufrichtiges Bedürnis, den beiden Verfassern unserer neuen Stadtgeschichte, Herrn Pastor Th. Siegemann und und Herrn Kantor W. Schramme namens der ganzen Stadt herzlich zu danken für die große Mühe und selbstlose Bereitwilligkeit, mit der sie diese Arbeit auf sich genommen und durchgeführt haben. Sie haben Ihrer Heimatstadt damit ein Geschenk gemacht, dessen sich jeder Gronauer, heute und künftig, freuen kann und das hoffentlich zur Verstärkung und Vertiefung der Heimatliebe beitragen wird. Ein solcher Erfolg dürfte den Verfassern der schönste Lohn sein.

 

Der Magistrat

 

Keuneke           Göttgens              Allewelt

 

Inhalt

Vorwort ......................................................5
Allgemeine Geschichte. ......................................................9
Die Stadtverwaltung  ....................................................39
Die Kirchen  ....................................................55 
Die Schulen  ....................................................86 
Feldmark, Fischerei und Flößerei  ..................................................102 
Das Handwerk  ..................................................109 
Verkehr und Wirtschaft  ..................................................117 
Feuer- u. Wassersnöte  ..................................................126 
Gesundheitsverhältnisse  ..................................................132 
Ein Gang durch Gronau  ..................................................136 
Quellenangabe  ..................................................155 

 

Verzeichnis der Tafeln

Tafel 1 Gesamtansicht der Stad Gronau (1931)
Tafel 2  Bronze-Weihkessel aus Empeda (12. Jahrhundert) 
Tafel 3  Flügelaltar der St. Matthäikirche 
Tafel 4  Abendmahlkelch in der St. Matthäikirche 
  Siegel der Stadt Gronau aus dem Jahre 1434 
  heutiges Stadtsiegel 
Tafel 5  Die katholische St. Josephkirche 
Tafel 6  Die Kreismittelschule 
Tafel 7 v. Engelbrechtenscher Hof
Tafel 8 Tausendjährige Eiche auf dem Bantelner Weg, Stammumfang 7 1/2 Meter

 

Aufnahmen

Zu Tafel 1, 3, 4 Abb. 1, 5, 6, 7 Wilhelm Breiner, Gronau

Zu Tafel 2 Provinzial-Museum Hannvoer

Zu Tafel 8 Wilhelm Brunotte, Gronau

Die Bilder der Tafeln 2, 4 Abb. 1 und 2 und Tafel 7 sind mit freundlicher Erlaubnis des Herausgebers und des Verlegers dem Buche "W. Barner, Unsere Heimat" entnommen.

 

 

Seite 1 - Gründung der Stadt

 


Gründung der Stadt

 

Die Stadt Gronau an der Leine ist eine der spätesten Siedlungen des Bistums Hildesheim. Sie wurde um das Jahr 1300 von dem 33. Bischof Siegfried II. (1279-1310) gegründet, und zwar im Anschluß an eine von ihm errichtete neue bischöfliche Burg, unter Heranziehung der kurz zuvor zerstörten Dörfer Empeda, Lehde und Bekum. Die Stadt hatte, links und rechts von der Leine umflossen, eine inselartige Lage, die zur Zeit der alten Bauordnung insofern bedeutsam war, als dort drei Gaue zusammenstießen. Das Gebiet links der Leine gehört zum Gudingau; http://de.wikipedia.org/wiki/Gudingau  am rechten Leineufer, ungefähr bei Gronau grenzten die Gaue Balothungon, zu dem u. a. Betheln und Barfelde, und Uringon, zu dem Rheden und Brüggen gehörten, aneinander.

 Das Dorf Empeda, auch Empena, Empene, Empna, Empen genannt, lag am rechten Ufer der Leine in der Nähe der heutigen Zuckerfabrik nach Rheden zu; es hieß später einfach "das alte Dorf"¹. Die jetzige Empedastraße hält das Gedächtnis an den Ort aufrecht. Lehde(Lehdi, Ledde, Lene) war am linken Leineufer gelegen, da wo sich heute der Friedhof der evangelischen Gemeinde Gronau befindet. Die dortige Friedhofskapelle steht an der Stelle des alten Gotteshauses dieses Dorfes, das unter dem Namen Lehdi schon in einer Urkunde Kaiser Otto III. vom Jahre 997 erwähnt wird, und heute noch in den Bezeichnungen "Lehder Friedhof und Lehder Kapelle" fortlebt.  

¹antiqua villa prope Wallenstedt, d.h. das alte Dorf bei Wallenstedt

Zur Kirche in Lehde gehört auch das davon nordwestlich gelegene Dorf Bekum (Beken, Bekem). Noch um das Jahr 1800 zeigte man (nach Röbbelen) an der Westseite der Lehder Friedhofsmauer einen Steg, über den die Bekumer der Überlieferung nach ihren Weg genommen haben. Und heute noch gibt es dort einen Bekumer Weg und ein Feld in der alten Bekumer Feldmark, genannt Radebrecher. Als, wahrscheinlich im dreißigjährigen Kriege, das Dorf Feldbergen, das beim jetzigen Bantelner Friedhofe lag, vernichtet worden war, sollen sich auch übrigens dessen Bewohner auch in Gronau angesiedelt haben..

Bei Empeda hatte sich eine alte bischöfliche Burg befunden. Im Jahre 1279 wurde sie von Herzog Albrecht von Braunschweig in einer Fehde zwischen dem Bischof Otto I. und welfischen Herzögen zerstört. Bei diesen Kämpfen werden wahrscheinlich auch die drei genannten Dörfer gelitten haben, und zum größten Teil niedergebrannt sein. Als nun Ottos Nachfolger, Siegfried II., die zerstörte Burg wieder errichten ließ, und zwar näher nach der Leine hin, mußte sie den Bewohnern Empedas, Lehdes und Bekums als ein natürlicher Stützpunkt für eine junge Stadt erscheinen, und dem Bischof konnte es nur lieb sein, wenn sich an seine Burg eine größere befestigte Siedlung anlehnte. Eine alte Überlieferung besagt, daß die Bewohner jener drei Orte sich in ihrer Bedrängnis schutzsuchend an den Bischof gewandt hätten, und er habe ihrem Wunsche mit folgenden Worten gewillfahrt: "Am Fuße des Berges Lehdi, in einem anmutigen Tale, liegt eine grüne Aue, rings von der Leine umströmt. Dort siedelt euch an, bauet eine Stadt, verwahret sie wohl mit Wall und Mauer, und ich will sie ab der grünen Aue Grünow (Gronau) nennen".

Begreiflicherweise hatten in der fehdelustigen Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts vor allem die offenen Dörfer viel zu leiden; denn die großen Herren jener Zeit, die Fürsten und Ritter, pflegten ihre Streitigkeiten so auszutragen, daß sie die offenen Schlachten möglichst mieden, aber dafür lieber brandschatzend und raubend in das gegnerische Gebiet einfielen und natürlich in erster Linie die Dörfer plünderten. Eine Reihe von Städten ist damals durch Zusammenlegung von kleineren Orten entstanden (so z. B. auch Hameln und Hannover), weil eine zahlreichere Einwohnerschaft sich hinter festen Mauern leichter gegen feindliche Überfälle schützen konnte. Aus ähnlichen Rücksichten erklärt sich auch die Gründung Gronaus.

Das eigentliche Gründungsjahr hat sich nicht feststellen lassen. Die erste überlieferte Urkunde, die den Namen Gronau enthält, stammt aus dem Jahre 1298, und zwar vom 21. Juli. In ihr überlassen die Grafen Konrad und Johann von Werder ein Viertel des Zehnten zu "Empna, das jetzt Gronowe heißt", dem Bischof Siegfried, und dieser weist den Anteil wieder dem St. Moritzstifte in Hildesheim zu. Im Jahre 1300 stellt der Bischof mit den Einwohnern der Stadt den Zehnten der Häusern und Vieh fest. Damals wäre also die Stadt fertig und nach den Lasten der Bauzeit imstande, Steuern zu zahlen. Da nun gewöhnlich bei Neugründungen den Bewohnern für die erste Zeit Steuerfreiheit zugestanden wurde, darf man wohl vermuten, daß der erste Spatenstich zur Erbauung der neuen Stadt schon einige Jahre vor 1300 getan ist. Mit gutem Grunde nehmen wir deshalb das Jahr 1298, in dem der neue Name urkundlich genannt wird, als Geburtsjahr Gronaus an.

Gleich nach der Gründung ließen sich in Gronau einige Adelsgeschlechter nieder, und zwar wurden sie dazu vermutlich vom Bischof selbst veranlaßt; den ihm musste daran gelegen sein, die junge Stadt, deren Bewohner ja vorwiegend im Waffenhandwerk noch wenig erfahrene Bauern waren, zu stärken und zu schützen. Seinem Rufe folgten die Familien von Dötzum, Bock von Wülfingen und Bock von Northolz. Sie alle hatten Besitz in den Feldmarken der drei genannten Dörfer. Nun bauten sie sich Häuser innerhalb der Stadtmauern. Die heutige Junkernstraße trägt davon ihren Namen und weist auch noch drei alte Adelshäuser auf, die aber aus späteren Jahrhunderten stammen. Die Adelsgeschlechter selbst sind bis das auf der Bock von Wülfingen ausgestorben.

2. Stadt und Amt

Stadt und Amt

Die ersten 3 Jahrhunderte der Gronauer Geschichte lassen sich nur sehr lückenhaft erschließen, weil die Stadt wiederholt und besonders im Jahre 1577 von schweren Bränden heimgesucht wurde, denen fast sämtliche vorhandenen Urkunden zum Opfer gefallen sind. Deshalb können aus der Zeit vor 1577 nur ganz wenige, auf eigenen Urkunden beruhende Nachrichten beigebracht werden, man muss sich darauf beschränken, die Schicksale der Stadt aus der allgemeinen Heimatgeschichte zu entnehmen, und sie hin und wieder, wenn fremde Urkunden Aufschluß geben, durch Einzelheiten aufzuhellen.

Ehe wir uns aber der eigentlichen Geschichte Gronaus zuwenden, erscheint es zweckmäßig, wenigstens in kürzen Zügen den Besonderheiten nachzugehen, die sich aus der Tatsache ergeben, daß die Stadt infolge der Eigenart ihrer Gründung gewissermaßen aus zwei Teilen bestand: nämlich aus der Burg, die dem Hildesheimer Bischöfe, als dem Landesherrn, gehörte und auf der ein bischöflicher Beamter, Vogt oder Amtmann genannt wohnte, und aus der Stadt als solcher, die sich durch einen von der Bürgerschaft gewählten Rat selbst verwaltete. Es läßt sich denken, daß die Zweiteilung den Keim zu mancherlei Gegensätzen in sich barg, wenn die beiderseitigen Rechte nicht scharf gegeneinander abgegrenzt waren. Welche Rechte der Stadt vom Bischof verliehen worden sind, ist nicht mehr festzustellen, es scheinen aber keine festen Abmachungen getroffen zu sein. Infolgedessen ist die Stellung des Rates dem Vogte gegenüber nie völlig geklärt worden. Viele Zuständigkeitsstreitigkeiten wurden zwischen beiden Teilen ausgetragen, weil immer wieder die eine Seite Übergriffe von der anderen zu erfahren glaubte. So viel steht aber wohl fest, daß der Rat in Gerichtssachen niemals volle Unabhängigkeit von dem Vogte oder, wie es in den betreffenden Urkunden immer wieder heißt, vom Amte oder Hause Gronaus besessen hat. Bürgermeister und Rat mußten sich nach ihrer Wahl dem Amte verwandt machen, d. h. sich bestätigen und vereidigen lassen, sie mussten vom Amte Befehle hinnehmen und sich seinem Gerichte stellen. Die Halsgerichtsverhandlungen, das bedeutet die Rechtssprechung über Vergehen, die mit dem Tode bestraft wurden, fanden unter dem Vorsitz oder wenigstens unter der Urteilsbestätigung des Vogtes statt. Aich dem eigentlichen städtischem Gericht, dem sogenannten kleinen Stubengericht - welchen Namen es führte, weil es im vorderen Zimmer des Rathauses (jetzt Ratskeller), der kleinen Stube abgehalten wurde, - war ein fürstlicher Beamter, der Bankvogt, beigegeben. Hier wurden die einfachen bürgerlichen Rechtsfälle erledigt, doch konnte gegen das Urteil beim Amte Berufung eingelegt werden. Von den Bußen, die das kleine Stubengericht verhängte, bekam der Rat zwei, das Amt ein Drittel.

Über die vom Amt ausgeübte Halsgerichtsbarkeit, liegen hauptsächlich aus dem sogenannten "Erbregister des Hauses Gronau" vom Jahre 1593 folgende Nachrichte vor. In allen "peinlichen" Fällen, in denen es ums Leben ging, ist es so gehalten, "daß ein Halsgericht wegen des Hauses (das heißt vom Amte) bestellet, in der Stadt uffm Markte oder Rathause besetzet und gehalten, auch Urtheil und Recht unter die von Gronau und Eberholtzen (so zugleich vor das Gericht gehören) gefraget und von dem selben Urtheil und Recht gesprochen wirt, und sein alsdann die verurtheilten Übelthäters aus der Stadt uff die vor undenklichen Jahren darzugehörende Dingstedte durch den Scharffrichter geführet und nach Erkenndtniß gerechtfertiget worden". Die Stadt hatte zwei Ding- oder Richtstätten, beide lagen vor dem Steinthore. Die eine befand sich am langen Wiesenwege, dort wurden die zum Feuertode verurteilten, also in sonderheit, die Heren verbrannt. Die andere Richtstätte hatte Rad und Galgen und lag oberhalb des Stiftes St. Georg.

Die Todesstrafe scheint nicht selten verhängt worden zu sein. Nach dem erwähnten Erbregister wurden um das Jahr 1530, als Ebelings Engelken Burgvogt war, neben einer Bademutter (Hebamme) zwei und im folgenden Jahre noch neun "Bürgerweiber" aus Gronau verbrannt. Auf dem Galgenberge, oberhalb des St. Georgstiftes ward um das Jahr 1540, eines Gronauer Bürgers, Menniken Henkens, Tochter, die ihr Kind umgebracht hatte, lebendig begraben; und drei Jahre danach ist "noch ein Bürger, Gerd Nolte, so auff die Straßen griffen, nach Erkenndtniß geradebracht und gerechtfertiget worden". Wie man sieht, hat der Herenwahn auch in Gronau seine Opfer in Gestalt von etlichen, gewiß auch durchaus unschuldigen "Bürgerweibern" gefordert.

Einmal ist auch ein Todesurteil auf dem Markte vollstreckt worden. Eine Gronauer Bürgersfrau hatte ihren Mann, Hans Karstens, im Bette erwürgt, und wurde zum Tode verurteilt. Damals, im Jahre 1565, erstreckte sich die Gerichtsbarkeit des Amtes Gronau nur auf die Stadt selbst und auf das Dorf Eberholzen, die Gronauer Richtstätte vor dem Tore gehörte aber bereits zum Amte Winzenburg. Dessen Vogt nun verweigerte seinen Amtsgenossen in Gronau, Heinrich Lawe, mit dem er sich veruneinigt hatte, die Verurteilte nach der Richtstätte zu geleiten, und verlangte es von der Leinebrücke an für sich. Da beide Ämter verschiedene Landesherren hatten, - Winzenburg gehörte in diesen Jahren dem Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gronau dem Herzog Erich von Calenberg, - so gab es keine Möglichkeit durch "Druck von oben" eine Einigung zu erzwingen. Beide Vögte bestanden auf ihrem Recht, und schließlich befahlt Herzog Erich, das Urteil solle auf dem Marktplatz in Gronau vollstreckt werden. So geschah es. Aber das ist anscheinend auch das letzte Mal gewesen, daß in Gronau eine Todesurteil gefällt und vollstreckt wurde. Das Erbregister sagt: "Seithero ist keine Mauß vor das Halsgericht gestellt worden".

Aber nicht nur in der Ordnung des Gerichtswesens, so weit sie sich erkennen läßt, trat die entschiedene Überlegenheit des Amtes, sie zeigte sich auch recht deutlich bei der Handhabung der "sonstigen Rechte", die gemeinhin das Wesen einer Stadt ausmachen. Das Erbregister gibt darüber ebenfalls einige aufschlussreiche Mitteilungen. Es bestimmt, das bei dem Jahrmarkte, der alljährlich am Sonntag Deuli abgehalten wurde, der Zoll zwischen den beiden Stadttoren und der Leine durch Diener des Amtes und einige Untertanen aus Eberholzen gehoben werden solle, und zwar muß jeder, die Adligen ausgenommen, für allees, was er gekauft hat und mitnehmen will, einen Goslar-Pfennig in bar oder in Waren zahlen. Die Gronauer Bürger werden ausdrücklich jedemal vom Rat verpflichtet, an jenem Markttage keine von Fremden gekauften Waren von in ihren Häusern aufzunehmen und zu verwahren, ehe nicht der Zoll entrichtet ist. Durch das jeweilige Standgeld für die Jahrmaktsbuden, "von jedem einen Mattier" (kleine Münze) oder so viel in Wahre", nimmt der Vogt, nicht der Rat der Stadt ein. Glücks- und Spielbudenbesitzer müssen beim Vogte um besondere Erlaubnis zum Schaustellen nachsuchen. Wie gering in den Marktdingen die Rechte des Raten gewesen sein müssen, zeigt besonders deutlich eine Stelle im Erbregister, wonach der Rat. obwohl er den Markt hat pflastern lassen, doch kein Standgeld fordern, vielmehr nur freiwillige Gaben von den Budenbesitzern annehmen darf. Anscheinend haben sich die städtischen Befugnisse auf die Freiheit zur beliebigen Abhaltung von Märkten beschränkt.

Nur das Recht, Handwerksämter und Gilden einzurichten, und die Braugerechtigkeit hat Gronau, soviel man sehen kann, frühzeitig und unbeanstandet (mindestens seit dem Ende des 16. Jahrhunderts) besessen. Zweifelhaft ist hingegen schon wieder die Frage der Landfolge, das heißt der Leistung von Kriegsdiensten. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß die Stadt davon mindestens anfangs befreit gewesen ist. Bestimmt war das der Fall bei der Arbeitspflicht; denn das Erbregister vom Jahre 1593 führt nur die Einwohner von Eberholzen als dienstpflichtige Untertanen des Amtes Gronau auf. Aus allem Gesagten geht hervor, daß die Gronauer Stadtrechte zwar ziemlich beschränkt, aber immerhin vorhanden waren.

Das Amt Gronau ist ursprünglich recht klein gewesen und hat zunächst nur die in der neuen Stadt vereinigten drei Dörfer umfasst, und dieses Gebiet war nicht sonderlich umfangreich. Die Hoheit des Amtes ging bis zur Mitte der Leine, die sich, wie es im Erbregister heißt, oberhalb des Amtshauses in zwei Arme teilt, bei der städtischen Mühle sich wieder trennt und die Stadt umfließt. So ist der Flußlauf ja noch heute. Im Osten grenzte an das Steintor das Amt Winzenburg und im Westen am Leintor das Amt Lauenstein. Der Grenzkrug, heute der "Gasthof zur grünen Aue" (etwa 1720 erbaut), gehörte nicht zu Gronau, sondern zu Eime, wohin er auch eingepfarrt war. Sehr eigenartig lagen nach der Stiftsfehde die Verhältnisse mit Banteln. Es unterstand dem Amte Calenberg, zahlte aber seine Reichslandsteuern und Schatzungen an das Amt Gronau, und zwar, so sagt unser Erbregister ausdrücklich, von Altersher. Die erste auswärtige Ortschaft, die dem Amte Gronau regelrecht unterstellt wurde, war im Jahre 1558 Eberholzen. Wenn Kriegsdienste geleistet oder Soldaten gestellt werden mußten, so entfielen auf Banteln zwei Drittel der Lasten, auf Eberholzen ein Drittel, das bedeutet, daß auf je zwei Bantelner Soldaten Eberholzen je einen zu stellen hatte. Der Anschluß Eberholzens an Gronau geschah zu einer Zeit, als das Amt Gronau nicht zum Stift Hildesheim gehörte, sondern dem Herzog von Calenberg unterstand; diesem war es im Jahre 1523 infolge des für den Bischof unglücklichen Ausgangs der sog. Stiftsfehde zugefallen und verblieb ihm bis 1643. Naturgemäß knüpften sich während der langen Dauer der gemeinsamen Zugehörigkeit Gronaus und Bantelns zu Calenberg die beiderseitigen Bande fester, aber sie lockerten sich wieder, als Gronau im Jahre 1643 zum Stift Hildesheim zurückkehrte, hingegen Banteln calenbergisch blieb. Erst im Jahre 1852 ist Banteln tatsächlich an das Amt Gronau angeschlossen.

Am 26. Juni 1690 trennte die fürstbischöfliche Regierung zu Hildesheim die Ortschaften der niederen Börde, nämlich Betheln, Barfelde, Eitzum, Nienstedt, Hönze, Möllensen, Heinum und Wallenstedt von ihrem bisherigen Amte Winzenburg ab und wies sie an das Amt Gronau. Damit war für den heutigen Kreis Gronau der Grund gelegt; sein Ausbau auf den jetzigen Stand ging dann folgendermaßen vor sich:

Im Jahre 1815 erscheint das Kloster Escherde zum ersten Mal als eine Ortschaft des Amtes Gronau; 1824 kam das Amt Poppenburg mit der Stadt Elze und den Dörfern Burgstemmen mit samt der Domäne Poppenburg, Heyersum, Mahlerten, Mehle und Nordstemmen hinzu, 1852 ferner Eddinghausen, Rheden, und, wie schon oben gesagt, Banteln; das Amt Poppenburg wurde zwar 1852 wieder von Gronau abgenommen und unter dem Namen Amt Elze selbständig gemacht, fiel aber bereits 1859 an Gronau zurück; in diesem Jahre 1859 wurden auch Sehlde, Eime, Brüggen, Sibbesse und Petze ihm angegliedert; 1885 trat die heutige Kreiseinteilung in Kraft, Gronau erhielt zu seinen bisherigen Ortschaften noch Esbeck, Dunsen, Deilmissen, Deinsen, Heinsen und Marienhagen hinzu, und bekam damit seine gegenwärtige Gestalt. Allerdings hatte es damals um seinen Bestand ringen müssen. Denn ursprünglich hegte man die Absicht, das Amt Gronau mit dem Kreise Alfeld zu vereinigen. Den Bemühungen der Stadt, vertreten durch den Bürgermeister Gericke, Senator Möhle, Bürgervorsteher-Worthalter Holstein und Kaufmann R. Plathner, die persönlich beim Minister in Berlin vorstellig wurden, gelang es schließlich, den Kreis Gronau mit dem Landratssitz in Gronau zu bekommen.

Der oberste Beamte des alten Amtes hieß Vogt, Amtmann und zuletzt Drost, der oberste Beamte des Kreises hieß zunächst Amtshauptmann und heißt jetzt Landrat. Der letzte Drost war von Bothmer, ihm folgte 1867 der Amtshauptmann von Engelbrechten, darauf die Landräte Grote, von Puttkamer, und, nach kurzer Zwischenverwaltung durch Keßler und Blume, von 1919 bis 1931 Landrat Stille. Seit 1931 ist Regierungsrat Blanke, zuletzt in Remscheid, als Landrat tätig. 

Über die Einwohnerzahlen des Amtes Gronau gibt es aus früheren Jahrhunderten keine Nachrichten. Im Jahre 1854 zählte das Amt Gronau 7.428 und das Amt Elze 6.234 Einwohner; 1910 hatte der Kreis Gronau 20.607 und 1925, also 15 Jahre später, 21.432 Einwohner. Er hat sich bis zum heutigen Tage nicht nur als ein lebensfähiges, sonder im ganzen, der Lage, Verwaltung und wirtschaftlichen Leistung nach, durchaus zweckmäßiges Gebilde erwiesen.

3. Bis zur Reformation

Bis zur Reformation

Aus den ersten Lebensjahren der jungen Stadt ist sehr wenig bekannt. Wir wissen eigentlich nur, das Gronau durch Mauern, Wall und Graben und besonders durch die Leinearme geschützt war und darum für damalige Zeiten einen recht festen Platz darstellte. Über die äußere Anlage ist kein Bericht oder gar Bild vorhanden. Es läßt sich aber vermuten, daß man von vornherein den Platz für den Markt mit dem Rathaus und für die Kirche bestimmt hat, und daß die Straßen mit Rücksicht auf die Lage dieser Gebäude angelegt wurden. Der Marktplatz und die Kirche dürften sich von Anfang an dort befunden haben, wo sie auch jetzt liegen. Während vom Rathaus nicht weiter die Rede ist, wird die erste Kirche, die bereits den Namen des Apostels Matthäus trug, schon 1309 im Urkundenbuch des Hochstiftes Hildesheim erwähnt. Zweifellos waren diese Gebäude nur klein; denn die Kräfte der Bewohner, die nur vorwiegend Bauern und Handwerker waren, wurden durch die Befestigung der Stadt und den Bau der Häuser reichlich in Anspruch genommen.

Die erste etwas ausführlichere Nachricht aus den Jugendjahren Gronaus ist der Bericht über ein großen Unglück. Eine gewaltige Feuersbrunst vernichtete im Winter des Jahres 1316/17 fast die ganze eben erbaute Stadt. Aber jetzt handelte der benachbarte Adel wahrhaft adlig: er verkaufte seinen bei Gronau gelegenen Wald, Rock genannt,  den er vom Bischof Heinrich II. zu Lehen hatte, für 34 Mark löthigen Silbers (etwa 17 Pfund feines Silber, eine bei dem damaligen hohen Geldwert recht ansehnliche Summe) dem Kloster Escherde und schenkte das Geld den Gronauern zum Wiederaufbau ihrer Stadt. Sie blühte nun allmählich auf. Es bildeten sich die Handwerksämter, die Gilden, und zwar kann man aus ihrer verhältnismäßig hohen Anzahl schließen, daß in Gronau schon bald ein reges handwerkliches Leben geherrscht hat. Die Ausübung des Marktrechtes durch Abhalten regelmäßigen Jahrmärkten brachte auch einen gewissen Handel und Verkehr mit sich, und damit stieg der Wohlstand der Bewohner. Ein größeres Rathaus wurde 1435 erbaut, und 1457 entstand eine neue Kirche, etwa in der Größe der heutigen. Diese stattlichen Gebäude sind ein Beweis, daß es den Gronauern damals nicht schlecht gegangen sein kann.

Überhaupt scheint die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert im Ganzen ruhige Zeiten ohne schwere Heimsuchungen gehabt zu haben; etliche Male erwies sie sich als ein fester, fast uneinnehmbarer Platz. Umso ernster gestaltete sich ihr Schicksal im 16. Jahrhundert, wo ihr zunächst die sog. Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) hart zusetzte. 

Diese für unsere engere Heimat bedeutsame Fehde nahm ihren eigentlichen Anfang in Gronau. Bischof Johann der IV. von Hildesheim hatte in dem Bestreben, die von seinen Vorgängern verpfändeten Burgen und Schlösser wieder in die Hand zu bekommen, dem Stiftsadel zahlreich den Pfandbesitz aufgekündigt, so auch dem Ritter Burchard von Saldern den Pfandbesitz an der Burg Lauenstein. Der von Saldern brachte nun ein Bündnis der Gegner des Bischofs zustande und gewann dafür auch mit Leichtigkeit die welfischen Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und von Calenberg, die bereits seit langem auf große Teile des Stiftes Hildesheim lüstern waren. Burchard von Saldern eröffnete 1518 die Feindseligkeiten, indem er durch einen gedungenen Knecht die Stadt Gronau, als einen der wichtigsten festen Plätze des Bischofs, nachts in Brand stecken ließ. Sie soll fast vollständig, bis auf die bischöfliche Burg, niedergebrannt sein. Der Brandstifter, Andreas von Kothen, wurde zwar beim Anlegen des Feuers ergriffen, und dem bischöflichen Gericht übergeben, das ihn zu einem unrühmlichen Ende verurteilte: er wurde mit glühenden Zangen angepackt und gevierteilt. Aber die Stadt Gronau lag in Asche.

Nun begann die Fehde mit voller Wucht. Auf Seiten des Bischöfs stand Herzog Heinrich von Braunschweig-Lüneburg, auf der Gegenseite Herzog Erich der Ältere von Calenberg, Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel, und ein großer Teil der Ritterschaft des Stiftes Hildesheim, der sich gegen seinen Bischof empört hatte. Nach schrecklicher Verwüstung und Plünderung beiderseitiger Gebiete kam es im Jahre 1519 zur Schlacht bei Soltau in der Lüneburger Heide. Bischof Johann und sein Verbündetet, Herzog Heinrich, gewannen einen glänzenden Sieg. Die Herzöge Erich und Wilhelm von Braunschweig und viele Ritter wurden gefangen. Der Bischof ritt im Juli triumphierend in Hildesheim ein und feierte ein großes Siegesfest. Herzog Erich ward bald wieder freigegeben, aber seinen mitgefangenen Vetter Wilhelm und die Ritter ließ der Bischof nicht los. Da nahm sich der neugewählte Kaiser Karl der V. der Sache an und gebot dem Bischofe, alle Gefangenen ihm, dem Kaiser, auszuliefern und sich selber zu verantworten. Johann aber dachte nicht daran, zu gehorchen, auch nicht, als ihm der Kaiser mit der Acht drohte. Er setzte vielmehr sogar die Feindseligkeiten fort, und so wurde dann tatsächlich im Juli 1521 die Acht über ihn verhängt und deren Vollstreckung den alten Gegnern des Bischofs, den Herzögen Erich und Heinrich, übertragen. Sie eroberten mit starker Heeresmacht das bischöfliche Land, von dem schließlich nur die beiden Städte Hildesheim und Peine widerstanden. Der Bischof, wegen der Acht, von allen Verbündeten verlassen, war in diesem ungleichen Kampfe allein auf sich angewiesen. Alle Ortschaften vielen seinem Feinde zu. Auch die "in Gronowe huldigten 1521 dem Herzoge Erich und gaben dusend Gulden". Am 11. Januar des folgenden Jahres aber nahmen schon wieder bischöfliche Truppen die Stadt in Besitz. und die Bewohner stellten sich notgedrungen auf die auf ihre alten Landesherrn Seite.

Darin sah jedoch Herzog Erich eine besondere Treulosigkeit. Im Mai 1522 legte er sich zur Belagerung vor Gronau. Drei Wochen lang setzte die Stadt ihren Bedrängern erheblichen Widerstand entgegen und verteidigte sich aufs tapferste gegen alle Anstürme. Manch wackere Tat der Einwohnerschaft, die durch bischöfliche Söldner verstärkt war; vor allem scheint es den alten Geschichtsschreibern die Kühnheit eines Mohren angetan zu haben. Dieser stand im Dienste bei dem damaligen Gronauer Vogte, dem Domherrn Dietrich Friese und war ein tüchtiger Schütze. Vom Burgturme aus fügte er den Gegnern großen Schaden zu und spottete ihrer noch, indem er ihnen einen Flederwisch zeigte, womit er den Rauch und Staub vom Turme abkehrte, sooft die Belagerer auf ihn schossen. Doch schließlich wurde er ein Opfer seiner allzu großen Verwegenheit; eine feindliche Kugel raffte ihn hinweg.

Als nun der Feind einsah, daß die Einnahme der Stadt auf dem gewöhnlichen Wege der Berennung nicht ganz leicht sei, versuchte er, den Turm über dem Steintore umzustürzen, in der Hoffnung er würde in die Leine fallen und so gleichsam eine Brücke bilden, über die sich Sturm laufen lasse. Der Turm wurde deshalb unter heftiges Feuer genommen. Allein die Belagerten durchschauten den Plan. Sie befestigten Taue am Turm, und als er endlich, durch die stete Beschießung erschüttert, niederstürzte, seilten sie ihn zu sich in die Stadt herein.

Der bei dem Belagerungsheere weilende sächsische Edelmann Beit von Drardorf (Rosmann-Dobner, Quellenbuch der Stiftsfehde) meldet seinem Herrn, dem Herzog Georg von Sachsen, unterm 5. Juni 1522, daß am 23. Mai ein Sturm der Belagerer von den Gronauern, die zusammen mit den bischöflichen Söldnern etwa 700 Bewaffnete zählten, abgeschlagen sei. Dabei seien auf braunschweigischer Seite 14 vom Adel und sonst über 300 der Angreifer tot geblieben. Trotzdem verlor man in Gronau, da die weiter aus Hildesheim erwartete Hilfe nicht eintraf, den Mut und faßte auf Vorschlag des Bürgermeisters Hans Huges den unglückseligen Plan, die Stadt heimlich zu verlassen und nach Alfeld zu fliehen. Zu diesem Entschluß mag auch beigetragen haben, daß sich die Bürgerschaft durch ihr ungeschicktes Verhalten den wachsenden Zorn der braunschweigischen Herzöge zugezogen hatte. Sie war nämlich bereits mit ihnen zwecks Übergabe der Stadt in Verhandlungen getreten, hatte sich aber dann wieder von den Anhängern des Bischöfs umstimmen lassen und den Kampf fortgesetzt. Da drohten die Braunschweiger mit blutiger Rache. Unter dem Eindruck dieser Drohung fand der Fluchtplan des Bürgermeisters seinen Widerstand bei der Bürgerschaft. An der Südwestecke der Stadt, in der Nähe des Leintores, schlug man eine Bresche in die Mauer und brach in der Nacht vom 01. auf den 02. Juni heimlich auf. Aber trotz aller Vorsicht geschah der Abmarsch nicht ganz ohne Lärm, so daß die Feinde aufmerksam wurden und den Fliehenden nachsetzten. Sie erreichten sie zwischen Dehnsen und Limmer. Ein furchtbares Gemetzel hub an. Der vorher schon genannte Beit von Drardorf berichtet seinem Herrn, es seien dort von den 700 Gronauer Kriegern 380 erstochen worden, etliche hätten den Tod in der Leine gefunden, nur die Berittenen seien nach Alfeld entkommen. Dieses Blutbad ging angesichts vieler Frauen und Kinder, die ihren Männern gefolgt waren, vor sich! Schrecklich entlud sich nun der Grimm der braunschweiger Herzöge auf die wehrlose Stadt: sie gaben sie ihrem Kriegsvolke zur Plünderung preis; am 04. Juni stand Gronau abermals in Flammen und wurde völlig zerstört, mit Kirche, Turm und Burg. Hans Huges, der Bürgermeister, der den üblen Rat zur Flucht gegeben hatte, war bei Dehnsen in Gefangenschaft geraten. Er sollte gehängt werden und stand schon auf der Leiter mit der Schlinge um den Hals. Da bat ihn Herzog Heinrich von Wolfenbüttel von seinem Vetter Erich los und rettete ihm so das Leben.

Lange noch hielt Herzog Erichs Zorn gegen die nach seiner Meinung ungetreuen Gronauer an. Bei den 1523 in Quedlinburg geführten Friedensverhandlungen  wird am 24. Juni gesagt, daß gegen die von Gronau so schwere Händel angestellt würden, das sie die nicht zu vollbringen vermöchten, daher sie sich der Stätte entschlügen, wodurch viele Hildesheimer ihres Zinses verlustig gingen. Man hatte den Gronauern offenbar so schwere Opfer auferlegt, daß viele von ihnen nicht mehr in der Stadt bleiben wollten. Alle Güter der Erschlagenen forderte der Herzog für sich, er verlangte das "besäete Korn" und gebot, daß die Stadt fortan weder Tore haben noch befestigt werden solle. Auch sollten den Gronauern nicht mehr Freiheiten und Rechte vergönnt werden als dem Flecken Salzhemmendorf. Noch am 25. August 1523 heoßt es in einer Entscheidung des Herzogs, den "Treulosen von Gronowe" solle man vor der Entschuldigung nichts geben. Später aber scheint der Herzog aber milder gedacht und den Bewohnern der so furchtbar mitgenommenen Stadt ihre alten Rechte wieder zugebilligt haben.

Der Ausgang der Stiftsfehde, durch den Fall Gronaus wesentlich mit bedingt, war für Bischof Johann höchst unglücklich. Am 13. Mai 1523 musste er im Frieden zu Quedlinburg den größten Teil seines Gebietes an die siegreichen Welfenherzöge abtreten. Ihm selbst blieb nur das sogenannte "kleine Stift", bestehend aus der Hildesheimer Dompropstei nebst den Ämtern Steuerwald, Marienburg und Peine. Das übrige Land teilten die Gegner unter sich. Die Ämter Gronau und Poppenurg mit den Städten Gronau und Elze, ferner das Kloster Escherde mit dem Vorwerk Eddinghausen kamen an das Fürstentum Calenberg unter Herzog Erich dem Älteren. Dessen Schutz wurde auch die Stadt Hildesheim unterstellt, die im übrigen im Genuss ihrer Vorrechte blieb. Der Rest des Stiftes fiel an das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. 

Bischof Johann selbst, der noch immer mit der Acht belegt war, verließ beim Friedensschlusse das Stift und leistete 1527 auf sein Bistum Verzicht; er starb 1547 als Domherr in Ratzeburg. Die durch seine Fehde mit den Welfenherzögen verursachte neue Gebietseinteilung aber hatte 120 Jahre lang Bestand. Erst 1643 kamen die verlorenen Gebiete an das Bistum Hildesheim zurück (wie wir gleich noch lesen werden).

4. Reformation und 30jähriger Krieg


Reformation und 30jähriger Krieg

Trotz der schweren Schläge der Stiftsfehde erholte sich Gronau in der Folge ziemlich rasch. Dazu trug ausser der Regsamkeit der Bewohner vor allem auch die  edelmütige Gesinnung des neuen Landesherrn, Herzog Erich, bei, der seinen Untertanen ihr schweres Los nach Kräften zu erleichtern suchte. Auch in Religionsangelegenheiten erwies er eine weitgehende Duldsamkeit. Obwohl er selbst dem katholischen Glauben bis zu seinem Tode (1540) ergeben blieb, legte er doch seiner Gemahlin Elisabeth kein Hindernis in den Weg, sich öffentlich zu Luthers Lehre zu bekennen. Als Herzogin Elisabeth dann für ihren minderjährigen Sohn Erich II. die Regierung führte, förderte sie in ihren Landen allenthalben die Ausbreitung des evangelischen Bekenntnisses.

Für Gronau brachte das Jahr 1543 die Einführung der Reformation. In diesem Jahre war der Wiederaufbau der Stadt durch die Überlebenden aus der Stiftsfehde so weit gediehen, daß auch der Kirchturm wieder stand; allerdings soll er längst nicht die Höhe seines Vorgängers erreicht haben. Am 17. April 1543 nun weilte der Superintendent der Fürstentümer Calenberg und Göttingen, Anton Torvinus, auf seiner Besichtigungsreise im Kloster Wittenburg. Er verhandelte dort im Auftrag der Herzogin Elisabeth mit den Bewohnern Gronaus und hat im Anschluß daran dessen Kirchenwesen im evangelischen Sinne umgestaltet.

Während Gronau in den Jahrzehnten nach Einführung der Reformation von Kriegsnot verschont blieb, wurde es 1577 zweimal von verheerenden Feuersbrünsten heimgesucht. Zuerst am 19. April ward die nördliche Hälfte der Stadt und sieben Wochen später, am 8. Juni, die südliche Hälfte eingeäschert. Drei Menschen, zwei Männer und ein Kind, fanden in den Flammen den Tod. Vom Feuer nicht erfaßt sind damals nur Kirche, Turm, Rathaus, Burg, Mühle und einige wenige Häuser. Diese Brände sind, abgesehen von dem schweren Schaden, den die Bürger erlitten, deshalb besonders beklagenswert, weil dadurch, wie bereits früher erwähnt, fast sämtliche in der Stadt vorhandenen Urkunden und Aufzeichnungen vernichtet wurden. Aber wiederum erholte Gronau sich schnell von dem großen Brandunglück und erlangte bald sein altes Ansehen wieder. Welche Bedeutung die Stadt damals hatte, erhellt aus der Tatsache, daß im Jahre 1566 mit der ersten Pfarre in Gronau, die Superintendentur der Ämter Gronau, Poppenburg und Lauenstein verbunden ward. Sie blieb hier, mit einer Unterbrechung, bis zum Jahre 1701.

Eine Kette von Elend bedeutete, wie für die meisten deutschen Lande, so auch für Gronau, der 30jährige Krieg. Gewissermaßen eingeleitet wurde er hier in den Jahren 1624 bis 1626 durch das Wüten der Pest. Zwar hatte diese furchtbare Krankheit wiederholt in Gronau geherrscht, doch niemals so, wie in den genannten Jahren: mehr als 700 Menschen raffte sie dahin, gewiss die Hälfte bis zwei Drittel der gesamten Einwohnerschaft. Nach dem Bericht des Kirchenbuches wurden im Jahre 1625 in Gronau 232 und 1626 gar 359 Personen begraben.

Fast gleichzeitig mit der Pest kam der kaiserliche General Graf Tilln mit seinem Heere in die hiesige Gegend. Seine Kämpfe mit Christian IV. von Dänemark zogen in den Augusttagen des Jahres 1625 auch Gronau in Mitleidenschaft. Die Tillnschen Truppen hausten in der Stadt grauenhaft, viele Häuser, ja ganze Gassen wurden niedergerissen und die armen Bewohner bis aufs Blut ausgesogen. Bach Tillns Siege bei Lutter am Barenberge (1626) versuchte der Bischof von Hildesheim, sich wieder in seinen alten Landen festzusetzen und die evangelischen Gemeinden zu unterdrücken. Am 8. Januar 1630 nahm eine bischöfliche Abordnung Burg und Stadt Gronau in Besitz und lies die Bewohner Gronaus und Eberholzens dem Bischofe huldigen. Die evangelischen Pfarrer wurden ausgewiesen und mußten bis zum Umschwung der Dinge im Jahre 1634 fern bleiben. Das Gronauer Traubuch meldet darüber kurz: "Durante exilio cessavit nostra copulatio". (Während der Verbannung gab es bei uns keine Trauung)

In diese Zeit fällt die Plünderung der Stadt Gronau durch den General Pappenheim. Dieser lagerte im Juni 1632 mit seinem Kriegsvolke in der Nähe der Stadt. Am Abend des 29. Juni sandte er ein Schreiben an den Magistrat, in dem gefordert wurde, die Gronauer Stadtverwaltung solle eine abgenommene Brücke wieder anbringen lassen und ferner gegen Bezahlung Bier an die Pappenheimschen Truppen liefern lassen. Der Bürgermeister Quedenbaum verweigerte zunächst die Annahme des Schreibens, beantwortete es dann aber ausweichend. Sein angesichts solcher Übermacht etwas seltsamer Mut kam der Stadt teuer zu stehen. Am 30. Juni fielen die Pappenheimer über Gronau her, plünderten es aus und misshandelten dabei die Bewohner aufs grausamste.

Bald aber gestaltete das Eingreifen des Schwedenkönigs Gustaf Adolf in den Krieg die Lage für die Evangelischen wieder günstig. Im September 1634 finden wir im Gronauer Traubuche wieder die erste Eintragung. Da war also die kurze Gegenreformation zu Ende. Noch einmal weilte im Jahre 1641 ein kaiserliches Heer unter Piccolomini  in der hiesigen Gegend; der Generalstab lag in Gronau. Aber schon 1643 schlossen die welfischen Herzöge mit dem Kaiser zu Goslar einen Sonderfrieden. Auf Grund dessen verzichtete Herzog Ernst August von Hannover auf die in der Stiftsfehde gewonnenen Gebietsteile und gab sie dem Bistum Hildesheim bis auf die Goldingen, Lutter am Barenberge und Westerhoff, sowie Aerzen, Grohnde, Lauenstein und Hallerburg zurück. Nach 120jähriger Abtrennung wurden demnach wieder stiftisch die Schlösser und Ämter Hunrück, Winzenburg, Steinbrück, Schladen, Wohldenberg, Liedenburg, Bienenburg, Wiedelah, Woldenstein, Poppenburg und Gronau.

Nun versuchten die zahlreich ins Land gerufenen Jesuiten. abermals eine Gegenreformation durchzusetzen und die Bewohner der an das Bistum Hildesheim heimgefallenen Gebiete auch dem katholischen Glauben zurückzugewinnen. Aber der Friede zu Osnabrück und Münster (1648) gebot ihren Bestrebungen Einhalt. Denn in ihm wurde auch für das Stift Hildesheim das Normaljahr 1624 festgelegt, was bedeutete, daß in religiöser Hinsicht alles so belassen werden mußte, wie es in diesem Jahre 1624 gewesen war. Infolgedessen ist in unserer Gegend die evangelische Kirche trotz bischöflicher Landeshoheit bestehen geblieben. Zwar hat es auch später nicht an Bemühungen gefehlt, den Katholizismus im Bistum wieder herrschend zu machen; sie sind jeoch mißlungen. Der Bischof mußte in Hildesheim sogar ein evangelisches Konfistorium einreichten. Auch in Gronau machten sich einige Versuche der Gegenreformation bemerkbar. Es wurde nämlich im Jahre 1679 unter Kurfürst und Bischof Maximilian Heinrich ein Dominikanerkloster erbaut; daraus sind die heutige katholische Kirche nebst Pfarrerwohnung und Schule hervorgegangen. Allein die kleine katholische Gemeinde, die bereits vordem, wahrscheinlich seit 1643, in Gronau bestand, hat anscheinend durch die Klostergründung keinen erheblichen Zuwachs erfahren.

Am Anfang des 18. Jahrhunderts kam es erneut zu Versuchen, die Rechte der evangelischen Untertanen des Bischofs und besonders die des Konfistoriums in Hildesheim zu beschränken. Damals griff Kurfürst Ludwig von Hannover zugunsten seiner Glaubensgenossen ein. Er besetzte, als alle Vorstellungen und Maßnahmen die man von Hannover aus zum Schutze der Stifthildesheimer Evangelischen unternahm, nichts halfen, kurzerhand die Städte Hildesheim und Peine und erzwang so das Abkommen (Rezeß) von 1711, das die Lage der Evangelischen im Stifte stärkte und sicherte.

5. Vom 18. ins 20, Jahrhundert


Vom 18. ins 20. Jahrhundert

Man muß es unseren Vätern, die doch in ihren Mauern von Schäden heimgesucht worden sind, wie sie die Gegenwart gar nicht kennt, rühmend nachsagen, daß sie sich durch keinen noch so harten Verlust entmutigen ließen, sondern immer wieder tapfer daran gegangen sind, sich aufs neue emporzuarbeiten. Das zeigte sich wieder, als zu Beginn es 18. Jahrhunderts, am 21. August 1703, Gronau abermals eine schwere Feuersbrunst erlebte, die fast die ganze Stadt vernichtete. Das Unglück war durch die Fahrlässigkeit einer Einwohnerin entstanden: sie hatte mit dem Lichte in der Hand einen verlorenen Groschen gesucht und war damit an feuerfangende Gegenstände geraten. Dieser verlorene Groschen ist der guten Stadt Gronau teuer zu stehen gekommen. Samt dem Rathause, den Kirchen, den Pfarr- und Schulgebäuden lag sie in wenigen Stunden in Asche. Auch die Gebäude der Adelshöfe, obgleich durch ihre abseitige Lage geschützt, blieben nicht verschont; kurz, es war die Stadt nach den Berichten der Zeitgenossen dem Erdboden gleich gemacht und einem Steinhaufen ähnlich geworden. Um vieles vergrößert wurde das Unglück noch dadurch, das gleich nach Beginn des Brandes, das neue Stadttor einstürzte. Infolgedessen wurden Hausgerät und sonstige Gegenstände fast gar nicht gerettet, auch bestand ernstlich Gefahr für die Bewohner, daß sie von dem Brande eingeschlossen wurden. Dies Entsetzliche trat dann allerdings nicht ein. Immerhin war das Unheil groß genug. In einem besonderen Schreiben vom 06. September 1703 bezeigt die Fürstliche Regierung zu Hildesheim dem Gronauer Magistrat ihr Beileid und gestatte ihm, die Bürger Hans Gödeke und Stephan Brandis auszusenden, um "bei gutherzigen Leuten eine christliche Beisteuer zu suchen".

Mit bewundernswerter Kraft nahm man auch dieses Mal den Wiederaufbau der Stadt in Angriff. Im Jahre 1721 bereits scheint wieder alles leidlich in Ordnung gewesen zu sein. Damals war, nach einer 1804 im Turmknopfe der Kirche gefundenen Urkunde, der Turm fertiggestellt, der heute noch steht, und als ein Wahrzeichen Gronaus gilt. Die lateinische Urkunde hatte folgenden Wortlaut: 

"O Deus, hoc aedificium, defende et protege clementer. Turris haec postquam anno MDCCIII die XX. Aug. cum templo et tota urbe incendio deleta, denuo magno labore corrogatis sumptibus cura Domini Pastoris primarii Christ. Conr. Clodii, Domini Diaconi Hermann Oelkers, Magistri, videlicet autem Domini Consilus Henrici Ludowici Detmers et Fried. Ulrici Kleyen, totiusque Senatur extructa anno MDCCXXI, quo Imperator Rom. erat Carolus VI, Jospeh Clemens Episcopus noster et Satrapa Dominus Joh. Wilh. de Dumpstorff".

Zu deutsch: "O Gott, verteidige und schütze gnädiglich dies Gebäude! Dieser Turm ist, nachdem er im Jahre 1703 am 21. August samt der Kirche und der ganzen Stadt durch Feuer zerstört war, und nachdem man mit großer Mühe die Kosten zusammengebracht hatte, neu erbaut worden, unter Betreuung des Herrn Pastors prim. Christian Conrad Clodius und des Herrn Diakons und Magisters Hermann Oelkers, sowie der Herren Bürgermeister Heinrich Ludwig Detmers und Friedrich Ulrich Klenen, und des gesamten Rates, im Jahre 1721, in dem Karl VI. römischer Kaiser, Joseph Clemens unser Bischof und Herr Johann Wilfhelm von Dumpstorff Vogt war".

Mit der fortschreitenden Festigung der Macht der einzelnen Landesfürsten, wie sie der Zeit nach dem 30jährigen Kriege und vor allem des 18. Jahrhunderts brachte, nahmen die Fehden und Kleinkämpfe ab, und Städte und Dörfer konnten sich ruhig entwickeln. Die Geschichte der einzelnen Ortschaften beginnt deshalb, von außen gesehen, gleichförmiger zu verlaufen und nur durch die allgemeine Landesgeschichte stärker beeinflußt zu werden. Gronau macht hiervon keine Ausnahme. Ohne größere hemmende oder fördernde Ereignisse ging seine Entwicklung weiter. Selbst der siebenjährige Krieg hat durch die Kämpfe des Prinzen Ferdinand von Braunschweig gegen die Franzosen, die sich zum Teil in unserer Gegen abspielten wohl seine Wellen hierher geworfen, aber für Gronau anscheinend keine schwere Zeiten kommen lassen. Es sind wenigstens keine Nachrichten ungewöhnlicher Beschwernisse aus jenen Tagen überliefert. Auch die unruhigen Zeiten um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert nach der großen französischen Umwälzung und während der Gewaltherrschaft des ersten Napoleons haben unserer Stadt nur die Lasten und Nöte auferlegt, die unser ganzes deutsches Volk damals tragen mußte. Selbstverständlich gab es starke Einquartierungen fremder Truppen, gab es harte Berückungen aller Art. Unter dem Druck Napoleons mußten auch Söhne Gronaus mit der "großen Armee" gegen Rußland ziehen. Mit den Brüdern der anderen deutschen Volksstämme haben sie in den Freiheitskriegen um die Abschüttlung des Franzosenjochs gefochten. Aber Leiden außerordentlicher Art sind der Stadt gnädig erspart geblieben. So ernste Schiksale wie in früherer Zeit hat sie nicht wieder erlebt.

Arge Notjahre jedoch gab es immer wieder einmal. Die Jahre 1830/31 und vor allem 1846/47 werden als solche geschildert. Durch Hochwasser, Hagelwetter und Mißwuchs  war damals die Ernte vernichtet, do daß die ärmere Bevölkerung in schwerste Bedrängnis geriet. Eine Bitte an die Landdrostei (Regierung) in Hildesheim um Lieferung von Korn und Kartoffeln wurde abschlägig beschieden, wohl weil die Not in jenem Unglücksjahre 1847 überall zu groß war. Da bildete sich in Gronau auf Anregung des Bürgermeisters Busse und des Oberamtmanns Pape ein Ausschuß von 24 Bürgern, der durch Spenden und Sammeln von Lebensmitteln und sonstigen freiwilligen Gaben der größten Not steuern wollte. Eine Speiseanstalt für bedürftige wurde eingerichtet, und nichts beweist besser deren Notwendigkeit als die Tatsache, daß oftmals an einem Tage 60-70 Mahlzeiten geholt worden sind. Eine solche Mahlzeit kostete 8 Pfennige. Um Bestand und Verwaltung der Speiseanstalt haben sich besonders der Bürgermeister Busse, der Kaufmann L. Möhle, der Kaufmann August Plathner und der Ackerbürger H. Krumhoff verdient gemacht.

Kaum waren diese Zeiten schlimmster wirtschaftlicher Not überstanden, da begannen die politischen Unruhen der Jahre 1848 und 1949. Gronau hat sich ihrer glücklich erwehrt. Ein Unruhestifter, Wildhagen aus Hildesheim, wurde nach einer aufreizenden Rede aus dem Tore hinausgejagt. Zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung bildete sich unter Führung der Herren von Kronenfeld, Jrumhoff, H. Plathner und Hartwig von Bock eine Bürgerschutzwehr. Bürgermeister Busse wandte sich 1848 nach einer Ergebenheitserklärung an den König von Hannvoer - wohin Gronau damals gehörte- und bat um Waffen für die Wehr. Es wurden ihr 120 Infanteriegewehre zur Verfügung gestellt, und die Damen der Stadt stifteten eine Fahne. Also bewaffnet, hielt die Wehr strenge Zucht. Sie duldete nicht, das mehr als 3 Menschen auf der Straße stehen blieben, und ab 10 Uhr abends hatte jedermann im Haue zu sein. Dann wurden die Straßen  durch die Mitglieder der Schutzwehr von allen menschlichen Lebewesen gesäubert. Leider entstanden aber Zwistigkeiten bei den Mitgliedern und störten die Ordnungstätigkeit; daraufhin legten die Offiziere ihr Amt nieder. Unter dem Hauptmann von Bock bildete sich glücklicherweise bald wieder eine neue Schutzwehr, zu der sich 108 Gronauer Bürger durch Namensunterschrift verpflichteten. Alle 14 Tage am Sonntag, nachmittags um 3 1/2 Uhr, begannen regelmäßig die Übungen, wozu durch zwei Trommeln und ein Horn aufgerufen wurde. Wer nicht erschien, mußte 4 Groschen, im Wiederholungsfalle 8 Groschen als Strafe zahlen. Als dann allmählich wieder völlige Ruhe im Lande einkehrte, löste sich die Wehr auf, doch ließ König Ernst August den Mitgliedern das Versprechen abnehmen, daß sie im Notfalle wieder zusammentreten wollten. Die beiden Trommeln aber, das Horn und die Fahne, werden noch heute im Rathause aufbewahrt

Das äußere Geschick Gronaus war das des gesamten Stiftes Hildesheim. Bis zum Jahre 1803 unterstand es bischöflicher Hoheit. Der Reichsdeputations-hauptschluß vom 25. Februar jenen Jahres brachte den deutschen Landen die sog. Säkularisation (Verweltlichung), d. h. er hob die geistlichen Herrschaften und Regierungen auf. Das Fürstentum Hildesheim und die freie Reichsstadt Goslar kamen zu Preußen. Mit ihnen ist auch Gronau von 1803 bis 1807 preußisch gewesen. Dann unterstellte Napoleon unsere Heimat dem Königreich Westfalen, das er für seinen Bruder Jerome, den berühmten "König Lustig" geschaffen hatte. Nach 6 Jahren, 1813, hatte dieses Staatsgebilde von Napoleons Gnaden schon wieder ein Ende. Das ehemalige Stift Hildesheim wurde vorerst dem Kurfürstentum Hannover einverleibt. Der Wiener Kongreß vom Jahre 1815 sprach dann die endgültige Abtretung des Landes an das nunmehrige Königreich Hannover aus.Bis zum Jahre 1866 ist Gronau alos ein Landstädtchen des Königreichs Hannover gewesen, mit dem zusammen es in dem genannten Jahre an Preußen fiel. Als Glied der peußischen Provinz Hannover nahm Gronau seitdem an allen Ereignissen der jüngsten preußisch-deutschen Geschichte teil: seine Söhne, die noch eben in dem deutschen Burderkampfe gegen Preußen mitgewirkt hatten, zogen nun 1870/71 mit ganz Deutschland zusammen ins Feld und halfen an ihrem bescheidenen Teil, das neue deutsche Kaiserreich und damit die deutsche Einheit zu erringen.

Es folgten mehr als 40 gesegnete Friedensjahre. An dem allgemeinen äußeren Aufschwung Deutschlands war auch Gronau als ein kleines Rad in dem großen Getriebe schaffend und nutzniesend beteiligt. Der Fleiß seiner Bewohner erwarb ihm den Ruf eines wohlhabenden, sauberen und betriebsamen Städtchens. Wenngleich es mißlich ist, im Zusammenhange mit dieser günstigen Entwicklung einzelne Namen herauszugreifen, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß die Zeit unter Bürgermeister August Gerike (1853-1891) besonders glücklich gewesen ist. Diesem standen die Senatoren Pape und Möhle lange Jahre hindurch zur Seite. Beide haben mit großer Treue und auch unter namhaften persönlichen Geldopfern das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner gefördert. Ähnlich müssen auch aus etwas späterer Zeit die Senatoren Kaufmann Julius Gellermann und Alfred Jaster rühmend genannt werden: der erste hat sich vor allem um den Ausbau der von Senator Möhle ins Leben gerufenen Stadtsparkasse verdient gemacht, dem anderen ist die Gründung des Elektrizitätswerkes, der heutigen Städt. Überlandzentrale Gronau, einer für die Stadt in jeder Weise außerordentlich wertvollen Einrichtung, zu verdanken. Jedenfalls stand Gronau als ein äußerlich schmuckes, im Inneren gesundes und kräftiges Gemeindewesen da, als das zerstörende Wetter 1914 hereinbrach.

6, Der Weltkrieg


Der Weltkrieg

Es ist hier nicht der Platz, auf die tieferen Ursachen und den letzten Anlaß des Weltkrieges von 1914 bis 1918 einzugehen. Wir wissen ja alle, daß der ungeheure wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands etwa seit der Jahrhundertwende und der zum Schutze des wachsenden Außenhandels vorgenommene deutsche Flottenausbau in England Gefühle des Neides und der Bedrohung weckte, daß die Versuche, einen Ausgleich zu schaffen, fehlschlugen, und daß sich nun die englische Einkreisungspolitik mit der alten, seit 1870 neugenährten französischen Feindschaft gegen Deutschland zum Kern eines furchtbaren Bündnisses verband. Als am 28. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo gegen den österreichischen Thronfolger losgingen, da riefen sie eine bereits sprungbereite Schar von Gegnern und unaufhaltbar nach und nach die halbe Welt gegen das Deutsche Reich und seien wenigen Verbündeten auf den Plan. Über 4 Jahre dauerte der gewaltige Kampf. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft, im Westen, Süden und Osten auf den Schlachtfeldern Europas, in Asien und Afrika rangen unsere feldgrauen Krieger gegen eine vielfache Übermacht. Und dennoch wäre es den Gegnern nicht gelungen, das Reich niederzuzwingen, wenn sie es nicht, allem Völkerrecht und menschlichem Empfinden zuwider, durch vollständigen Abschluß von jeglicher Lebensmittel-, Kleidungs- und sonstiger Rohstoffzufuhr dem Hunger und Mangel preisgegeben hätten. Unbesiegt im offenen Kampfe, brach Deutschland schließlich, auf solche Weise zermürbt und durch gleißnerische Versprechungen betrogen, zusammen, aber erst nach härtestem Druck setzte es seine Unterschrift unter den Vertrag von Versailles, der sich Frieden nennt, und doch ein Meisterwerk des Unfriedens, der Ungerechtigkeit, der Furcht und des Hasses ist. Noch heute, 13 Jahre nach Kriegsende, bluten die Wunden, die dieser "Vertrag" uns geschlagen, und seine Lasten drohen uns gänzlich zu Boden zu drücken. Für Deutschland hat der Weltkrieg noch kein Ende gefunden, es ringt noch immer in zäher Erbitterung um sein Daseins- und Lebensrecht.

Siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles

Als im August 1914 eine nie gekannte Welle von opferbereiter Vaterlandsliebe das deutsche Volk erfaßte, da gab es keinen Ort im ganzen Lande, vor dem sie Halt gemacht hätte. Überall strömten die Männer und Jünglinge zu den Waffen, kaum konnten die Freiwilligen sämtlich sofort Verwendung finden. Hätte es un unserer Heimat anders sein können? Aber der begeisterte Aufbruch im Anfang ging dann allmählich in einen bitteren Ernst über. Die ersten Verwundeten kamen zurück und mussten untergebracht werden. Auch in Gronau wurde, von der freiwilligen Sanitätskolonne des Roten Kreuz betreut, ein Hilfslazarett eingerichtet, das später in das Johanniterkrankenhaus verlegt wurde. 

Die Zahl der Gefallenen wuchs mehr und immer mehr. Verwundet, vermißt, gefallen - die "Leine- u. Deister-Zeitung", das Amtliche Kreisblatt des Kreises Gronau, veröffentlichte regelmäßig Verlustlisten mit den Namen aus der engeren Heimat, Namen, die ankündigten, daß wieder in ein Haus Trauer um einen Toten, Sorge um einen Vermißten oder Verwundeten eingezogen sei. 

Nach und nach begann im Lande selbst sich die Abschnürung vom Welthandel auszuwirken. Alle Waren wurden knapp, man mußte sich einschränken, und aus der Einschränkung wurde Entbehrung und schließlich Mangel, und aus dem Mangel wurde zuletzt Not. Der freie Handel hörte auf und machte der Zwangsbewirtschaftung Platz. Alle Gegenstände des täglichen Bedarfs wurden behördlicherseits in kargen und kärglichsten Mengen auf Karten oder Marken zugeteilt. Bleiche, abgehärmte Gestalten sah man "Schlage stehen", und wer irgend eine Gelegenheit wußte, suchte auf verbotenen Wegen einen kleinen Zuchuß zu "hamstern". Gronau hatte es als "Land" hatte es im Verhältnis zu den größeren Städten gut, aber auch hier war Schmalhans Küchenmeister und in den Augen der weitaus meisten Einwohner stand das Wort Hunger zu lesen.

Wir können an dieser Stelle nicht alles aufzählen, was die Entbehrung der Kriegsjahre an seltsamen Maßnahmen, auch an Beweisen der Selbstsucht Rücksichtslosigkeit, aber auch des Opferwillens und der Nächstenliebe zeitigte. Späteren Geschlechtern wird es vorbehalten sein, hierüber eingehenden und lebendigen Bericht zu geben. Wir wollen den Leser nur durch ein kurzes Gedenken an die schwere Zeit hinführen zum dem Ehrenmal, das Gronau seinen Gefallenen Söhnen errichtete. Es steht im Stadtpark auf dem Windmühlenberg, und seine Pfeiler tragen in Stein gehauen die 131 Namen derer, die ihr Leben für Deutschlands Freiheit und den Schutz der Heimat hingegeben haben. Die Mitte des Denkmals bildet ein steinerner Opfertisch nach altgermanischer Art, und daran stehen, beherzigenswert immer und heute mehr denn je - die Worte aus Schillers Tell:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern.

Zu den größten Umwälzungen, die der Kriegsausgang im Gefolge hatte, gehört die Umwandlung des deutschen Kaiserreichs mit seinen meist von Fürsten regierten Bundesstaaten in eine Republik, bestehend aus freistaatlichen Ländern und mit einem vom Volke gewählten Reichspräsidenten an der Spitze. Nicht überall ist der Umsturz völlig friedlich vor sich gegangen, und wenn es auch nur an verhältnismäßig wenigen Stellen zum Blutvergießen kam, so waren die Novembertage des Jahres 1918 doch allgemein mit nervenerregender Unruhe erfüllt. Auch Gronau hat darunter zu Leiden gehabt.

Das furchtbarste Erlebnis, weil es einem in seinem Ursprung unbekannten, zerstörenden Wirbel glich, war der Verfall der deutschen Währung. Noch im Kriege hatten viele Gemeinden, auch Gronau, wegen der Verknappung der Zahlungsmittel Notgeld herausgegeben. Das beschränkte sich aber meist auf die kleineren und kleinsten Geldsorten, außerdem war ihr Wert durchaus beständig. Als nun nach dem Kriege die völlige Verarmung Deutschlands zutage trat und trotzdem von den Gegnern Unsummen aus ihm herausgepreßt wurden, da wußte man sich seitens des Reiches nicht anders als durch rücksichtslose Herausgabe ungedeckten Papiergeldes zu helfen. Die Folge war Entwertung dieser Scheine, immer stärkere Inanspruchname der Notenpresse und zuletzt - im Zusammenhang mit dem Ruhrkampf - ein geradezu ungeheuerlicher Währungsverfall. Alles wurde in den Strudel hineingerissen. Die Stadt Gronau gab ihr eigenes Geld, Millionen- und Milliardenscheine heraus, ebenso wie der Kreis und verschiedene Industrieunternehmen. Mit Einführung der Rentenmark, die eine Billion Papiermark im Werte ablöste, verflog der schauderhafte Spuk, und das deutsche Volk erkannte, daß es bettelarm geworden war. Die Spargelder waren verfallen, die Wertanlagen entwertet. Die spätere sog. Aufwertung konnte nur einen kümmerlichen  Ersatz für das Gewesene bieten. Und das schlimmste: der Verfall des Geldwertes hatte einen noch viel entsetzlicheren der sittlichen Werte und Auffassungen  verursacht. Der wirtschaftliche Trümmerhaufen wurde von dem geistigen und seelischen noch übertroffen.

7. Und neues Leben blüht...

 

Und neues Leben blüht...

Kaum aber brachte eine neue feste Währung einige Sicherheit in den Wirtschaftsverkehr des Landes, als auch schon deutscher Ordnungssinn, deutsche Tatkraft und deutscher Wiederaufbauwille sich ans Werk machten, um auch unter den veränderten Verhältnissen oder vielmehr ihnen zum Trotz das Daseinsrecht des deutschen Volkes zu behaupten. Und das geschah im Kleinen wie im Großen.

Zunächst mußte man, rein äußerlich betrachtet, aus der Not eine Tugend machen. Da während des Krieges an und in den Häusern kaum irgendwelche Instandsetzungsarbeiten vorgenommen und vor allem keinerlei neue Häuser errichtet waren, so herrschte nach dem Rückströmen des Heeres eine erhebliche Wohnungsnot, die durch eine Reihe hier nicht näher zu erörternder Umstände noch verstärkt wurde. Infolgedessen begann bald eine ausgedehnte Bautätigkeit. In Gronau entstand ein völlig neues Stadtviertel im Osten der Stadt: wo die Sauerweinstraße, die Georgstraße usw. sich jetzt ausdehnen, lagen noch vor gar nicht langer Zeit Felder und Gärten. Aber auch in den älteren Straßenzügen wurde manches erneuert, und ein erwachender Sinn heimatliche Eigentümlichkeiten sorgte dafür, daß das freundliche Stadtbild erhalten blieb und sich möglichst noch verbesserte.

Mit dem Aufblühen der Industrie nach dem Kriege von 1870/71, das gerade in Gronau ziemlich umfangreich war, und besonders nach der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Elze-Gronau-Bodenburg hatte die Bevölkerung eine stete Zunahme erfahren. Am besten wird die Entwicklung in einigen Zahlen erläutert: im Jahre 1815 hatte Gronau 1650 Einwohner und 200 Häuser, 1832 waren es 1874 Einwohner und ebenfalls noch 200 Häuser, 1875   2022 Einwohner und 220 Häuser, 1900   2538 Einwohner und 275 Häuser, 1910   2711 Einwohner und 317 Häuser, 1920    2713 Einwohner und 336 Häuser, 1930 fast 3000 Einwohner und 400 Häuser. Während also im Laufe des 19. Jahrhunderts nur etwa 70 neue Wohnhäuser erbaut wurden, sind in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts schon 120 Wohnhäuser dazugekommen, davon allein 67 nach dem Kriege. Die Zahl der Wohnhäuser hat sich in den letzten 100 Jahren verdoppelt, und auch an der Verdoppelung der Einwohnerzahl fehlt nicht viel.

Natürlich besagen diese Angaben an sich noch nichts. Der Abschnitt "Verkehr und Wirtschaft" wird zeigen, welche Unternehmungen im Einzelnen die Steigerung im öffentlichen Leben der Stadt hervorgerufen haben. Aber doch kann man aus den einfachen Zahlen lesen, daß in Gronau ein Tätigkeitsdrang geherrscht hat und noch herrscht, der dem unverzagtem Geiste seiner Bewohner in früheren Jahrhunderten, wie wir ihn anläßlich der verschiedenen schweren Heimsuchungen kennen lernten, nicht nachsteht. Diese Erkenntnis erscheint gerade im gegenwärtigen Augenblicke, da die Geschichte der Stadt Gronau geschrieben wird, besonders wichtig. Denn wieder liegt eine Zeit schwersten wirtschaftlichen Druckes auf unserem gesamten Vaterlande, eine Zeit, deren düstere Härte wir nur durch den einen Hinweis aufzeigen wollen, daß nämlich in der Stadt Gronau mit ihren 3000 Einwohnern Ende Oktober 1931 von rund 1200 erwerbstätigen Arbeitnehmern 134 Männer und Frauen mit im Ganzen 141 Angehörigen, d, h. 11,2% aller Erwerbstätigen, arbeitslos waren und aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung oder der öffentlichen Fürsorge unterhalten werden mußten. Dabei gehört Gronau noch zu den weniger hart betroffenen Gemeinden.

Wir aber, die wir die Geschehnisse in unserem kleinen Gemeindewesen von Anbeginn an aufmerksamen Blickes verfolgt haben, schöpfen aus der Vergangenheit mit ihrem Willen, ihrer Kraft und ihren Glauben die Zuversicht, daß die gleichen Eigenschaften wie in unserem Städtchen so auch im ganzen deutschen Vaterlande noch lebendig sind und uns einst wieder einer Zukunft voll Licht und Freiheit entgegenführen werden.

- Bitte weiterlesen im Teil 2 - 

Kommentare   

+1 #1 Willfried Voigt 2015-12-17 18:44
Das Buch, die grüne Chronik, wird von mir, einem gebürtigen Gronauer hoch in Ehren gehalten. Übrigens als zu Anfang der Fünfziger Jahre die Brücke am Steintor neu gebaut wurde. Sind noch viele Kanonenkugeln aus der Stiftsfehde zum Vorschein gekommen. :roll:
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