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Gronau im zweiten Weltkrieg

Das schreckliche und glückliche Ende

Abgedruckt mit freundl. Genehmigung des Autors Eberhard Sievers

Erschienen im Buch "Großvaters Geschichten" im Verlag Books on Demand, ISBN 978-3-8448-8184-4

 

Die dramatischen Ereignisse, wie Gronau am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 überrollt wurde, haben sich fest in meinem Gedächtnis eingeprägt. Ich war damals 15 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern und meiner kleinen einjährigen Schwester zusammen in der Breiten Straße 14, die damals Wilhelm-Gustloff-Straße hieß. 

Gronau liegt auf einer Insel der Leine, , die von Süden nach Norden fließt. Die von West nach Ost quer durch die Stadt verlaufende Hauptstraße geht also über Brücken. Diese Lage sollte in den Tagen am Ende des Zweiten Weltkriege eine strategisch wichtige Bedeutung erlangen. Auf dieser Hauptstraße spielte sich in den letzten Tagen des Krieges eine eigenartige, fast gespenstische anmutende Szene ab.

Es fuhren deutsche Militärlastwagen durch die Stadt von West nach Ost, also nicht auf die Kriegsfront zu, sondern von ihr weg: Es war die Flucht vor dem herannahenden, übermächtigen Feind. Soldaten zogen in der gleichen Richtung, nicht etwa in Reih und Glied mit klingendem Spiel, wie wir das Militär vorher nur kannten, sondern schweigend, einzeln oder in Gruppen, ungeordnet, müde und doch gehetzt, in ganz unterschiedlicher Ausrüstung, mit Stahlhelm, mit Käppi, ohne jede Kopfbedeckung. Verwundete mit Verbänden, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Mantel - immer nach Osten, immer nur weg vom Feind, eine geschlagene Armee auf der Flucht, tagelang und nächtelang.

Dieser Anblick war für mich ein Schock. Mit innerer Erregung, mit Rauer und Wut stand ich da und sah zu, wie die verzweifelten Menschen an mir vorbeischlichen, immer nur nach Osten, immer nur weg vom Feind. Menschen, die tapfere Soldaten gewesen waren. Trauer, weil mir die Schicksale dieser Geschlagenen und Fliehenden ins Auge drangen und ins Herz drangen. Wut, weil ich mich an die schneidigen Marschkolonnen der deutschen Wehrmacht gut erinnern konnte, die früher oft das Stadtbild belebten. Wie ich so stand und zusehen musste, was es heißt, wenn ein Volk einen Krieg, einen Weltkrieg verliert, war ich innerlich aber noch weit entfernt davon, Hitler oder die deutsche Regierung oder den Nationalsozialismus , oder gar das ganze deutsche Volk, das diesem Hitler zugejubelt hatte, als verantwortliche Urheber dieses grauenvollen Schreckens zu verstehen und anzuklagen. Die Feinde waren eben stärker - das war´s für mich. Und im Übrigen musste man nur zusehen, das Herannahen der Kriegsfront zu überleben.

Am Morgen des 7. April 1945 wachte ich davon auf, dass das von der Hauptstraße heraufdringende Geräusch ein anderes war als das, was ich seit Tagen im Ohr hatte. Es war jetzt ein durchdringendes gleichmäßiges Brummen und Dröhnen, kraftvoll wie fernes Donnern. Wir liefen vors Haus und scheuten die Breite Straße entlang, die ja auf die Hauptstraße direkt zuläuft. Es waren Panzer, große Ungetüme mit rasselnden Ketten und riesigen Geschützrohren, immerzu, ohne Unterbrechung, einer nah dem anderen, ab und zu Lastwagen dazwischen, dann wieder die lange Reihe der Panzer, und immer in der gleichen Richtung nach Osten, und auf jeden Panzer war ein großer Stern aufgemalt.

Da wurde uns klar: Das sind die Amerikaner. Jetzt sind wir auf der anderen Seite der Front und des Krieges. Wir gingen bange ins Haus zurück. Da war nichts von Erleichterung zu spüren. Die kam viel später. Jetzt trieben uns andere Sorgen. Genug zu essen im Haus? Auch Milch für die kleine Christiane? Vorräte von Nahrungsmitteln im Keller eingeschlossen und versteckt? Auch Wurst und Schinken vom Schlachten? Nationalsozialistische Symbole, besonders Hakenkreuze, beseitigt oder versteckt? Fahnen und Uniformen im Garten vergraben?

Gegen Mittag bogen Panzer und Lastwagen in unsere Straße ein, und einer hielt direkt vor unserem Haus. Ein amerikanischer Offizier und Soldaten mit Gewehr im Anschlag standen vor der Haustür. Wir öffneten, und ich musste mit meinen geringen Englischkenntnissen dolmetschen. Er verlangte höflich, aber bestimmt, wir sollten das Haus räumen, und zwar sofort. Seine Leute würden sich nun in unserem Haus einquartieren. Wir müssten schon woanders unterkommen. Meine Mutter zeigt ihm die kleine einjährige Christiane, aber er ließ sich nicht erweichen. Wir könnten mitnehmen, was wir wollten, stand er uns zu.

Als er gegangen war, beratschlagten wir drei, mein Vater, der ja auch für das Elektrizitätswerk verantwortlich war, (ich kann mich nicht erinnern, dass in dem Durcheinander dieser Tage der Strom ausgefallen wäre), meine Mutter, die für die kleine Christiane sorgen musste, und ich, als schmächtiger Fünfzehnjähriger, wo wir unterschlüpfen konnten. Die Dauer der Beschlagnahmung war nicht abzusehen. Während wir noch berieten, rief unsere Nachbarin, Frau Krieger, über den Gartenzaun, was los wäre. Sie beobachtete, wie schon ein amerikanischer Lastwagen mit oben aufgebautem leichtem Flakgeschütz auf unseren Hof fuhr. Es stellte sich heruas, dass die Amerikaner - wie weise - jedes zweite Siedlungshaus beschlagnahmt hatten. Frau Krieger bos uns spontan an: Kommen Sie zu uns! So löste sich unser Problem. Wir schleppten Sack und Pack hinüber, schliefen auf Sofas und ausgelegten Matratzen, schlossen in unserem Haus den Keller mit den Lebensmittelvorräten ab, überließen das Haus zehn oder zwanzig ungezwungenen, lauten und frohgemuten amerikanischen Soldaten und beobachteten vom Nachbarhaus, was sie trieben.

Auf der anderen Seite Gronaus, direkt neben der westlichen Leinebrücke, stand die Kreismittelschule. Diese war schon zu Anfang des Zweiten Weltkrieges zu einem Lazarett umfunktioniert worden. Als sich die Kriegsfront von Westen her Gronau näherte, brachten deutsche Soldaten unter den Leinebrücken Sprengladungen an, um durch vorher gesprengte Brücken den Vormarsch des Feindes aufzuhalten. Den Ärzten des Lazarettes gelang es, das Sprengkommando von der Sprengung abzuhalten. Denn das neben einer Brücke gelegene Lazarett war von oben bis unten voll belegt mit schwer verletzten Soldaten. Die Leichtverletzten waren längst weiter nach Osten in "Sicherheit" gebracht worden. Dieses Lazarett wmit seinen Menschen wäre bei einer Sprengung zusammengestürzt.

Als der Geschützdonner immer näher kam und die Amerikaner nur noch wenige Kilometer vor Gronau standen, fassten sich einige mutige Ärzte dieses Lazarettes ein Herz und fuhren mit weißen Fahnen den Amerikanern entgegen. Und zwar mit der gleichen Absicht, das voll belegte Lazarett und damit zugleich die ganze Stadt Gronau vom Beschuss durch Bomben und Granaten zu verschonen. Auch dies Initiative der Ärzte gelang.

Deshalb fuhren die Amerikaner ohne einen einzigen Schuss nach Gronau hinein. Die Gronauer Leinebrücken waren weit und breit die einzigen intakten Überwege über die Leine. Im Süden bei Brüggen und im Norden bei Nordstemmen wurden die Brücken von den fliehenden Deutschen gesprengt. Das war der Grund, weshalb Gronau beim Vormarsch der Amerikaner eine wichtige strategische Position bekam. Tagelang, wochenlang rollten Kolonnen amerikanischer Militärfahrzeuge durch die Stadt. Zugleich war damit die Stadt vor dem Beschuss, vor kriegerischer Verteidigung und Eroberung, und damit vor der Zerstörung gerettet worden.Es war ein sonniger, strahlender, warmer, wunderschöner Frühlingstag, als Gronau am Ende des Zweiten Weltkrieges überrollt wurde und wir nicht nur vom Krieg, sondern auch vom Nationalsozialismus befreit wurden.

Wir lugten vorsichtig von Kriegers Fenster aus zu den Amerikanern hinüber, die es sich in unserem Haus gemütlich  gemacht hatten. Sie gingen ihrer Beschäftigung nach, waren aber zu Gesprächen mit uns deutschen Zivilpersonen nicht abgeneigt. Als wir nach einigen Wochen wieder in unser Haus einziehen durften, kam das große Aufräumen. Die Amis hatten nichts zerbrochen oder mitgenommen. Nur die verschlossene Kellertür konnten sie nicht leiden – das hätten wir uns denken können. Sie hatten die Tür aufgebrochen und die Kiste mit Wurst und Schinken entdeckt. Einige Würste, aber nicht alle hatten sie verzehrt. Waren sie gar nicht so ausgehungert oder ahnten sie, wie nötig wir das Fleisch brauchten in dieser schlimmen Zeit? Ein schwerer Panzer war im Garten mitten durch die Erdbeeren gefahren. In den Kettenspuren war die Erde so festgefahren, dass ich sie später nur zentimeterweise mit dem Spaten wieder lockern und bearbeiten konnte.

Wir hingen am Radio und verfolgten den weiteren Verlauf des Krieges bis zum Ende. Wir hörten nicht nur den Reichsrundfunk aus Berlin, sondern auch den Untergrundsender „Werwolf“. Aber den falschen Meldungen von allerlei Partisanenkämpfen glaubten wir nun nicht mehr. Es war üblich, dass der Reichspropagandaminister Josef  Goebbels am Vorabend von Führers Geburtstag, das heißt am 19. April eine flammende Rede an das deutsche Volk hielt. In diesem Jahr 1945 hielt er sie auch, aber überhaupt nicht mehr flammend, sondern mehr apokalyptisch-visionär geprägt: „...........aus den Ruinen wird ein blühendes Deutschland auferstehen........“ Es war seine letzte Rede. Er sprach aus dem völlig eingekesselten Berlin. Wenig später beging er mit seiner Familie Selbstmord. Wir hörten dann noch kopfschüttelnd, dass der Führer  geheiratet hätte und „bis zum letzten Atemzug kämpfend“ gestorben wäre, dass er Admiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt hätte und dass dieser am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands erklärt habe.

 

Das war das Ende des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus in Deutschland. Wir zogen uns in das Schneckenhaus unseres unmittelbaren persönlichen Überlebenskampfes zurück. 

 

Kommentare   

+1 # Carsten H. 2016-02-16 07:14
Interessant, dann scheint ja der zweite Weltkrieg an Gronau vorbeigeschlittert zu sein! Gibt es noch mehr Berichte aus dieser Zeit?
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