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Gronau im zweiten Weltkrieg

Erinnerungen aus der Zeit April-Mai 1945

Im Rahmen des Buches "700 Jahre Gornau" erschien dieser Beitrag von Dr. Hans Völzke, den ich hier mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentliche.

 

Der Bericht eines damals 20jährigen kann nach 52 Jahren nicht vollständig sein. Auch sind mir Orts- und Gebäudenamen erst seit 1957 bekannt, als aus beruflichen Gründen Gronau meine zweite Heimat wurde.

Nach Abschluß an der Kriegsschule Dessau-Rpßlau gelangt unsere "Inspektion" nach anstrengenden Nachtmärschen am 6. April nach Springe am Deister. Am frühen Morgen berichten uns aus Richtung Hameln kommende Verwundete, die Amerikaner hätten die Weser überquert, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Unsere Einheit wird auf die Orte Springe, Coppenbrügge und Lauenstein verteilt. Am 7. April kautet der Einsatzbefehl: "Die Straßenkreuzung bei Haus Harderode ist zu sichern und der Feind nach Möglichkeit an die Weser zurückzudrängen." Bei einer Ausrüstung Karabiner 98 und Panzerfaust, ohne Unterstützung von Panzern und schweren Waffen, dazu ohne jeden Nachschub ein aussichtsloses Unternehmen. Bei diesigem, nebligem Wetter erscheint kurz nach 9 Uhr der erste Sherman-Panzer; er wird mit einer Panzerfaust zum Stehen gebracht, die Besatzung vorläufig gefangen genommen. Daraufhin schießen sich die Amerikaner auf Haus Harderode ein. Ich werde leicht verwundet (Wehrmachtsjargon "Heimatschuß"). Wir müssen uns angesichts der zahlenmäßigen und technischen Unterlegenheit auf den Ithkamm zurückziehen. Von Kameraden werde ich in Thüste in einen PKW verfrachtet und komme nach abenteuerlicher Fahrt - der Nebel hat sich mittags gelichtet - über Marienhagen und Eime nach Gronau.

In der Realschule zunächst medizinisch versorgt, werde ich mit Fragen bestürmt. "Wann werden die feindlichen Gruppen Gronau erreichen? Sollte man die Brücken sprengen, um den Vormarsch zu stoppen?" Meine Antwort: "Nach den Erfahrungen des Vortages morgen vormittag. Für die Amerikaner ist die Weser kein großes Hindernis gewesen. Sprengungen sind somit kaum sinnvoll." In Begleitung werde ich in der damaligen Volksschule (heutiger R-Kauf) (Anm. von mir: heutiger Johanniter-Stift) im 1. Stock in einem Raum mit zwölf Betten untergebracht. Völlig übermüdet schlafe ich sofort ein und bin am nächsten Morgen überrascht, daß alle Betten neben mir leerstehen. Eine Krankenschwester sagt: "Wollen Sie denn nicht aufstehen, wir sind schon alle im Keller?"

Kurze Zeit später hören wir das Kettengerassel der amerikanischen Panzer. Es ist auch an den folgenden zwei Tagen wahrzunehmen. Mit der Versicherung, daß keine Waffen im Gebäude vorhanden seien, geben sich die "Besatzer" zufrieden, lediglich die Zahl der im Hause untergrachten Verwundeten wird festgestellt, und ein Wachposten bleibt zur Absicherung zurück. Wir sind nun auch Gefangene, können uns aber über Betreuung und leibliche Versorgung nicht beklagen. Die von einer Bremer Firma im Keller eingelagerten Rotweinbestände sind eine willkommene Zugabe.

Aus dem Radio erfahren wir, daß britische und amerikanische Truppen zügig nach Osten in Richtung Elbe vordringen - Widerstand nur im Harz - und demnach das Kriegsende abzusehen ist. Uns plagt die Ungewißheit: Leben die Eltern, die Verwandten, wie soll es nach den tiefgreifenden Erschütterungen weitergehen?

Aus dem achtwöchigen Aufenthalt in der zum Reservelazarett umfunktionierten Volksschule Gronau (1. Stock) sind mir neben dem täglichen Routineablauf einige Ereignisse im Gedächtnis geblieben.

Kurz nach dem Einmarsch haben amerikanische Soldaten im hinteren Schulhof mehrere uniformierte Hitlerjungen (damals Wehrwölfe genannt) gestellt. Vom Fenster aus ist nicht zu erkennen, ob sie wütend af sie einreden oder sich über sie lustig machen. Denkbar ist, daß die Jungen mit "Haut ab, Mutter will die Kinder zählen", weggeschickt werden.

Dann der 19. April! Im Radio hören wir eine flammende Hoebbelsrede am Vorabend des Führergeburtstages! Von Wunderwaffen, Durchhalten bis zum Endsieg ist die Rede und anschließend die Sinfonia eroica von Beethoven. Verwunderung und Kopfschütteln; wir haben dann den Geburtstag einer Krankenschwester zünftig gefeiert. 

Wenige Tage später bin ich ins Savignystift verlegt worden. An eine anberaumte Sitzung kann ich mich noch gut erinnern. Ein NS-Führungsoffizier, der mit der Aufgabe betreut war, in den vier Lazarettabteilungen die Stimmung im "NS-Sinne" aufrecht zu erhalten, wurde von einigen Lazarettinsassen verprügelt, weil er sich rechtzeitig mittels einer Rotkreuzarmbinde tarnen wollte. Verständnis für die "Abreibung" war deutlich zu spüren, doch der Chefarzt Dr. Minssen fand den möglichen Weg für das notwendige Strafmaß.

Anfang Mai fährt unsere Stationsschwester aus dienstlichen Gründen zu einer aus Hannover ausgelagerten Abteilung des Friederikenstiftes nach Springe. Ich gebe ihr einen Brief an meinen Vater mit, den ich nach Verlust der durch Bombenangriff zerstörten Wohnung (Hannover) in Springe vermute. Wenige Tage danach bittet mich eine Krankenschwester, in den Keller zu gehen. Dort treffe ich meinen Vater; an den amerikanischen Posten vorbei hat ihn eine katholische Schwester über den anderen Gebäudeteil in den Keller geschleust. Wir fallen uns in die Arme, in der selbst gestandene Männer von ihren Gefühlen überwältigt werden. Nur wenig Zeit verbleibt uns, wichtige Fragen, die Zukunft betreffend, zu besprechen.

In der dritten Maiwoche erscheint eine amerikanische  Ärztekommission und sortiert sehr zum Unwillen unseres Chefarztes die "leichten Fälle" aus, so daß ich nach Kriegsende noch vier Wochen im Raum Stade in britischer Gefangenschaft  verbleibe. 

 

Dr. Hans Völzke

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