Die Geschichte der Stadt (1931)

Die Geschichte der Stadt, Teil 2

8. Die Stadtverwaltung

Zur Zeit der Gründung Gronaus, also um das Jahr 1300, bestanden noch überall in den deutschen Landen die Gogerichte (Gaugerichte), denen ein Gograf als Vertreter des Landesherrn vorsaß. Gebildet wurde das Gericht von der Gesamtheit der freien Landsassen des Gaues. Es fand stets im Schatten einer alten Eiche oder Linde, auf dem Tie, statt, und noch heute erinnern vielfach Plätze mit alleinstehenden Bäumen oder mit Kreuzsteinen an solche früheren Gerichtsstätten.

Diese volkstümlichen Gerichte nun gingen in den aus Dörfern entstandenen Städten auf den Rat (Magistrat) über, meistens aber unter irgendwelchen Beschränkungen oder Vorbehalten zugunsten eines landesherrlichen Obergerichts. In Gronau geschah die Übertragung der Gerichtsbarkeit an den Rat der Stadt durch eine Urkunde des Bischofs Heinrich III, aus dem Jahre 1347. Wie die Dinge im ersten halben Jahrhundert des Bestehens der Stadt geregelt waren, wissen wir nicht. Aber auch die genannte Urkunde von 1347 schuf keine eindeutigen Rechtsverhältnisse, so daß es immer wieder zu den langwierigen Streitigkeiten über die Berechtigungen der städtischen Gerichtsbarkeit und der des Amtes kam, von denen schon früher (Allgemeine Geschichte, Stadt und Amt) die Rede war.

Herzog Erich der Jüngere bestätigte 1557 der Stadt Gronau ihre althergebrachten Rechte, die sich u. a. auf die Mühlen, die Fischerei in der Leine und die Weide zu Bekum und Dötzum erstreckten. Ferner soll die Stadt die alleinige Botmäßigkeit besitzen im Rathause, in den Stadtmühlen, in den Badestuben, im Stadtkeller, in den Torhäusern, auf den Brücken, Stiegen und Stegen. Die Stadt soll auch berechtigt sein, von Wagen und Karren, soweit sie nicht Untertanen des Amtes Lauenstein gehören, vier bzw. zwei Goslarsche Pfennige Wegegeld zur Erhaltung von Brücken und Steinwegen zu nehmen. 

Als äußeres Zeichen des Stadtrechtes wurden eine Elle und zwei steinerne Gewichte am Rathause angebracht. Im Rathause selbst übte der Rat die ihm zustehende niedere Gerichtsbarkeit aus, und nach dem Raum, in dem das geschah, hieß dieses Gericht später das "kleine Stubengericht". Es war ein Eckzimmer in dem heutigen Ratskeller; bis zum Jahre 1897 ist es noch benutzt worden und zwar als Sitzungsraum der Stadtvertretung. Der Hauptgegenstand, der dem kleinen Stubengericht oblag, war die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen den Bürgern und Bestrafung von Übeltätern. In einem der zahlreichen Streitfälle zwischen Stadt und Amt behauptet der Gronauer Rat, dieses Recht bis gegen das Jahr 1600 ruhig ausgeübt zu haben. Im Jahre 1593 aber brachte der Amtmann Ludolph Gladebeck es dahin, daß der Stadt die Gerichtsbarkeit genommen und dem Amte zugesprochen wurde. Gleichzeitig gingen der Stadt auch noch andere langgeübte Rechte verloren. Selbstverständlich legte sie dagegen Berufung ein und hatte auch teilweise Erfolg. Aber zu einer vollständigen Klärung kam es nicht, vielmehr trat noch im gleichen Jahre ein neuer Zwischenfall ein. Das Amt hatte einen Bürger gefangen gesetzt. Da Rat und Bürgerschaft das für rechtswidrig hielten, befreiten sie den Gefangenen mit Gewalt aus der Haft. Der damalige Landesherr, Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg, nannte das Vorgehen der Gronauer eine "unleidliche und gewaltsame Tat," und drohte mit Entzug der Stadtrechte; die Anstifter wurden in Haft genommen, jedoch bald gegen Sicherheit wieder freigelassen. In dem Schlußentscheid des Herzogs von 1593 über diesen Fall erhielt die Stadt ihre sämtlichen Rechte ausdrücklich bestätigt, es hieß darin folgendermaßen:

..."und sollen und wollen sie demnach sich solchen unziemlichen verbotenen und unleidlichen Vornehmens gegen Uns und Unseren Beamten und Diener, wie billig, hinführo enthalten; allen unterthänigen schuldigen Gehorsam und Gebühr im allewege erzeigen und da künftig über Zuversicht, Mißverständnisse zwischen ihnen und Unserm Beamten einfallen thäten, ihre Notdurfft bei Uns als dem Landesfürsten oder Unserer Regierung unterthänig suchen und aller Thätlichkeit sich entäussern und wegen solcher ihrer künftigen gebührlichen Erzeigung, dero Wir uns zu ihnen gnädig und gänzlich versehen, wollen Wir angeregte Unsere Ungnade und befugte rechtmäßige Strafe gegen sie gnädiglich fallen lassen und ihnen angeregte habende und wohlhergebrachte Privilegien und Gerechtigkeiten aus Gnaden nach wie vorhin lassen, ihnen auch dieselben hiemit und in Karft dieses von Neuem concediren, confirmiren und bekräfftigen also: daß sie und gemeine Stadt und Bürgerschaft sich derselben hinführo, inmaßen vorhin beschehen, doch mit unerthäniger gebührlicher Dankbarkeit, zu gebrauchen, zu erfreuen und zu genießen haben sollen und mögen und soll nun hiermit all dasjenige, was sich diesfalls vom Rathe und gemeiner Bürgerschaft samt und sonders gegen Uns und Unser Amt daselbst zugetragen, gänzlich aufgehoben und ihnen solches an ihren Ehren, guten Leumund und Namen unschädlich senn, noch dafür von Jemandt gegen sie angezogen werden".

Trotz dieses günstigen Entscheids wurde aber, wie das Erbregister des Hauses Gronau vom gleichen Jahre 1593 berichtet, dem Städtischem Gericht wieder ein Landvogt beigegeben, der seit geraumer Zeit nicht ernannt gewesen war. Dieser Landvogt sollte Gronauer Bürger sein oder werden, er hatte alljährlich nach der Neuwahl Bürgermeister und Rat für den Landesherrn in Eid und Pflicht zu nehmen, und bei den Sitzungen des kleinen Stubengerichts hatte er das Amt zu vertreten.  Todeswürdige Verbrechen unterstanden ja ohnehin der Gerichtsbarkeit des Amtes. An das Amt gingen auch die Berufungen, sobald eine Partei mit dem Entscheide des Stadtgerichtes einverstanden war. Das Urteil wurde im allgemeinen rasch gefällt, die Strafen waren empfindlich. Unter Umständen konnten sie erlassen werden, doch hatte der Betroffene vorher das eidliche Versprechen abzulegen, daß er gegen den Landesherrn, gegen Amt und Stadt nichts nachteiliges unternehmen wolle. Man nannte das "Urfehde schwören", und für deren strenge Innehaltung hafteten Hab und Gut. Hören wir wenigstens den Anfang einer solchen Urfehde, wie sie köstlich umständlich in dem mehrgenannten Jahre 1593 im Wortlauf festgelegt wurde:

"Nachdem ich oder wir, R. R., durch diese oder jene Veruhrsachung in des hochwürdigen Durchlauchtigen hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Heinrichen Julii, postulierten Bischofen zu Halberstadt und Herzogen zu Braunschweig und Lüneburg, meines oder unsern gnädigen Fürsten und Herrn Hauses und Amts Gronau  Haft und Gefängnis gerathen, deren ich oder wir uf bestehende Vorbitt und Abhandlung erlassen, so thue idemnach ich mich, oder wir uns, hiermit für mich, meine Erben, Erbnehmer und allermänniglichen verpflichten, daß ich oder wir dieser Bestickung halber gegen Hochermelten Unsern gnädigen Fürsten und Herrn Herzogen Heinrichen Julius und alle S. hochfürstl. Gnaden Diener und Untertanen, insonderheit aber gegen dero Amtmann, Vogt, Befehlichhaber und Untersassenn des Amts sowie auch Bürgermeistern, Rath und sämtliche Bürgerschaft und Einwohner der Stadt Gronow nicht Gewaltsames, Täthliches noch Widerrechtliches weder durch mich, uns oder andere thun noch fürnehmen lassen, noch auch Jemandes zu Thun gestatten, sondern Hoch- und Obgemeldete Alle disfalls an Leib und Gut gänzlich gesichert, ihn allen Schaden bleiben und sich im geringsten nichts befahren haben sollen, wie ich, oder wir, dessen zu Gott einen leiblichen Aidt geschworen haben...."

Der Streit zwischen Amt und Stadt um die beiderseitigen rechtlichen Befugnisse hat bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts fortgedauert. Es handelte sich dabei für die Stadt nicht nur um die eigentliche Gerichtsbarkeit, sondern auch um manche andere städtische Rechte, z. B. Beurkundung von Ehen, Schließung der Stadttore, Verfügung über das Feuerlöschwesen, Bestrafung von Ausschreitungen, die im Stadtforst begangen waren, ja sogar um die Frage des unmittelbaren schriftlichen Verkehrs seitens des Rates mit der fürstlichen Regierung. Im Jahre 1797 endlich fiel ein Erkenntnis der juristischen Fakultät der Universität Gießen zugunsten der Stadt aus; sogar das "kleine Stubengericht", dem man einige Zeit vorher die Berechtigung abgesprochen hatte, wurde wieder anerkannt. Natürlich saß dessen Verhandlungen auch weiterhin der Landvogt als fürstlicher Beamter vor, er hieß allerdings jetzt "Stadtvogt" und war wohl immer zugleich der Amtsschreiber des Amtes Gronau (dem späteren Kreissekretär entsprechend). Dieses Amt ist fast hundert Jahre lang von Mitgliedern der Familie Zeppenfeldt ausgeübt. 

Um auch einmal einen Einblick in die Art der Besoldung derartiger Beamter zu vermitteln, sie die Bestallung des Gronauer Amtsschreibers und Stadtvogts Zeppenfeldt vom Jahre 1766 mitgeteilt. Er erhielt, so berichtet die Familienchronik des Archivars Ignaz Zeppenfeldt unter dem 8. Oktober 1766 an Gehalt 50 Taler, einen freien Kothof, an grobem Holz 16 m, an Basen 7 Schock, behufs Anfahren des Holzes anstatt der bisher gehabten Herrendienstuhren 3 Taler 7 mgr (Abk. für Mariengroschen, 1 Taler = 36 mgr), von der Schäferei zu Barfelde 13 Stück Käse, das Recht, in die Mast 4 Schweine frei zu treiben, in der Stadt Gronau bürgerliche Freiheit"ab oneribus publicis" (von öffentlichen Lasten), von den Jahrmärkten in der Stadt das Stättegeld, von allen in Gronau zum feilen Kauf geschlachteten Hornvieh die Zunge und von den Schweinen eine Wurst, eine Wiese vor Wallenstedt, einen Garten am kleinen Steinwege, von den hausierenden einheimischen Juden 1 ggr (Abk. für Gutegroschen, 1 Taler = 24 ggr), den 3. Pfennig von den in der Stadt aufkommenden Brüchten (Abgaben), für Beeidigungen des Rates zu Gronau 18 mgr. samt den übrigen "emolumenten und accidentien" (Nebeneinnahmen und Gelegenheitseinkünften).

Sehr eingehend schreibt das von der Stadt selbst festgelegte Stadtrecht vom Jahre 1563 in 56 Artikeln den Bürgern die Pflichten gegeneinander und gegen den Rat der Stadt vor. Jede Übertretung dieser Satzung wird mit Geldstrafe geahndet. Wer sich widersetzt, wird mit Haft belegt oder aus der Stadt verwiesen. 

Über die Ratsverfassung, die der Stadt wohl von Anbeginn an eignete, haben wir erst aus späterer Zeit genauere Nachrichte, doch läßt sich annehmen, daß sich die städtische Verwaltung des 17. und 18. Jahrhunderts von der des Mittelalters nicht wesentlich unterschied. Demnach bestand der Rat aus dem Bürgermeister, zwei Ratsherren, einem Ober- und einem Unterkämmerer. Dem Rat zur Seite standen zur Beschlußfassung 12 Geschworene (Schöffen, Stadtverordnete, "Deputierte"), von denen 11 Altermänner der Handwerksämter oder Gilden waren, während der Obergeschworene (der heutige Bürgervorsteher=Worthalter) diejenigen Bürger vertrat, die ohne Amt und Gilde waren; er durfte also auch selbst nicht einem Amt oder einer Gilde angehören. Die laufenden städtischen Angelegenheiten erledigte ein besoldeter Sekretär, der rechtskundig sein mußte. Er hatte die Rechtsangelegenheiten der Stadt zu verwalten und bei den Ratssitzungen die Niederschrift zu führen. Die Ämter der Ratsmitglieder waren Ehrenämter mit ganz geringer Entschädigung. So erhielt der Bürgermeister für seine Tätigkeit 20 Taler, 50 Bund Weidenholz und 3 Stück tannene Dielen jährlich. Die Ratsherren und die kämmerer bekamen 8 Taler und ebenfalls 3 Dielen. Diese Dielen wurden anstatt der früheren Einkünfte aus dem ehemaligen Leinezoll verabfolgt. Außerdem standen den Ratsmitgliedern noch einige kleine Nebeneinnahmen zu. Die Geschworenen erhielten gar keine Entschädigung.

Alljährlich wurde der Rat neugewählt, und zwar stets am Montag nach dem Fest der heiligen drei Könige (6. Jan.). Es wählte nicht die gesamte Bürgerschaft, sondern die Geschworenen bestimmten eigene Wahlmänner, die durch den Stadtvogt vereidigt wurden und alsdann die Wahl vornahmen. In den meisten Fällen wählte man an Stelle des ausscheidenden Rates den des Vorjahres, so dass man von einem alten und einem neuen Rat sprach, die einander in der Stadtverwaltung abwechselten. Natürlich wurden, wenn nötig, durch Tod oder aus anderen Gründen entstandene Lücken durch Neuwahl ergänzt oder eben  mißliebige Ratsmitglieder durch andere ersetzt. Die Wahl geschah mit einfacher Stimmenmehrheit. Ihr Ende kündigte die große Kirchenglocke, Bürgerglocke genannt, mit lautem Geläut an. Dieses Zeichen aus metallenem Munde rief jeden Bürger, wie es der Bürgereid vorschrieb, unverzüglich nach dem Rathause. Dort verkündete der Stadtsekretär unter Beobachtung der herkömmlichen Formen und unter dem Jubel des Volkes, die Namen der neuen Ratsmitglieder und auch des Obergeschworenen; denn dieser mußte ohne Ausnahme jedes Jahr neu von den Wahlmännern gewählt werden. Der abgehende Bürgermeister hatte danach sämtliche Ratsmitglieder gastlich zu bewirten, und der Stadtmusikant war verpflichtet, dabei die Tafelmusik zu machen und nachmittags und abends den Wahlmännern und Geschworenen im Ratskeller gegen Bezahlung von einem Taler aufzuspielen. Für die Ausrichtung des Gastmahls bekam der Bürgermeister ein Biergebräu (Bürgermeistergebräu). das stets um die Zeit der Ratsänderung gebraut zu werden pflegte. Den Wein stellten die Ratsmitglieder aus eigenen Mitteln, wobei ihr Rang die Zeche bestimmt; jedoch mußten Neugewwählte etwas mehr beisteuern als die bereits wiederholt Gewählten. Diese Sitten hatten sich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gehalten, als Gronau zum ersten Male preußisch wurde. Die preußische Regierung schaffte den alljährlichen Ratswechsel und also auch die damit verbundenen Bräuche ab. Geblieben bis in unsere Zeit ist das Amt des Stadtmusikanten, der noch immer für seine Dienste einen der Stadt gehörigen Garten in Lehde zur Nutzung überwiesen bekommt und außerdem jährlich 24 Mark bezieht. Dafür muß er an den drei großen christlichen Festen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, vom Kirchturm Choräle blasen.

An dieser Stelle mögen auch die Bestimmungen über den Erweb des Bürgerrechtes und den alten Bürgereid vom Ende des 18. Jahrhunderts Aufnahme finden. Ein Niederschriftenbuch nebst Personenverzeichnis, das seit dem Jahre 1782 im Rathause, wenn auch mit einigen Lücken, geführt wird, berichtet darüber folgendes: "Ein jeder, der ein Bürgerhaus taufet, erheiratet, oder eigentümlich aquiriert (=erwirbt), oder bürgerliche Nahrung zu treiben gesonnen ist, er sei männlichen oder weiblichen Geschlechts, muß sogleich bei E. E. Rathe um Erteilung des Bürgerrechts nachsuchen und, wenn er ein Großbürger- oder Brauhaus annimmt, bar bezahlen:

8. Die Stadtverwaltung

Zur Zeit der Gründung Gronaus, also um das Jahr 1300, bestanden noch überall in den deutschen Landen die Gogerichte (Gaugerichte), denen ein Gograf als Vertreter des Landesherrn vorsaß. Gebildet wurde das Gericht von der Gesamtheit der freien Landsassen des Gaues. Es fand stets im Schatten einer alten Eiche oder Linde, auf dem Tie, statt, und noch heute erinnern vielfach Plätze mit alleinstehenden Bäumen oder mit Kreuzsteinen an solche früheren Gerichtsstätten.

Diese volkstümlichen Gerichte nun gingen in den aus Dörfern entstandenen Städten auf den Rat (Magistrat) über, meistens aber unter irgendwelchen Beschränkungen oder Vorbehalten zugunsten eines landesherrlichen Obergerichts. In Gronau geschah die Übertragung der Gerichtsbarkeit an den Rat der Stadt durch eine Urkunde des Bischofs Heinrich III, aus dem Jahre 1347. Wie die Dinge im ersten halben Jahrhundert des Bestehens der Stadt geregelt waren, wissen wir nicht. Aber auch die genannte Urkunde von 1347 schuf keine eindeutigen Rechtsverhältnisse, so daß es immer wieder zu den langwierigen Streitigkeiten über die Berechtigungen der städtischen Gerichtsbarkeit und der des Amtes kam, von denen schon früher (Allgemeine Geschichte, Stadt und Amt) die Rede war.

Herzog Erich der Jüngere bestätigte 1557 der Stadt Gronau ihre althergebrachten Rechte, die sich u. a. auf die Mühlen, die Fischerei in der Leine und die Weide zu Bekum und Dötzum erstreckten. Ferner soll die Stadt die alleinige Botmäßigkeit besitzen im Rathause, in den Stadtmühlen, in den Badestuben, im Stadtkeller, in den Torhäusern, auf den Brücken, Stiegen und Stegen. Die Stadt soll auch berechtigt sein, von Wagen und Karren, soweit sie nicht Untertanen des Amtes Lauenstein gehören, vier bzw. zwei Goslarsche Pfennige Wegegeld zur Erhaltung von Brücken und Steinwegen zu nehmen. 

Als äußeres Zeichen des Stadtrechtes wurden eine Elle und zwei steinerne Gewichte am Rathause angebracht. Im Rathause selbst übte der Rat die ihm zustehende niedere Gerichtsbarkeit aus, und nach dem Raum, in dem das geschah, hieß dieses Gericht später das "kleine Stubengericht". Es war ein Eckzimmer in dem heutigen Ratskeller; bis zum Jahre 1897 ist es noch benutzt worden und zwar als Sitzungsraum der Stadtvertretung. Der Hauptgegenstand, der dem kleinen Stubengericht oblag, war die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen den Bürgern und Bestrafung von Übeltätern. In einem der zahlreichen Streitfälle zwischen Stadt und Amt behauptet der Gronauer Rat, dieses Recht bis gegen das Jahr 1600 ruhig ausgeübt zu haben. Im Jahre 1593 aber brachte der Amtmann Ludolph Gladebeck es dahin, daß der Stadt die Gerichtsbarkeit genommen und dem Amte zugesprochen wurde. Gleichzeitig gingen der Stadt auch noch andere langgeübte Rechte verloren. Selbstverständlich legte sie dagegen Berufung ein und hatte auch teilweise Erfolg. Aber zu einer vollständigen Klärung kam es nicht, vielmehr trat noch im gleichen Jahre ein neuer Zwischenfall ein. Das Amt hatte einen Bürger gefangen gesetzt. Da Rat und Bürgerschaft das für rechtswidrig hielten, befreiten sie den Gefangenen mit Gewalt aus der Haft. Der damalige Landesherr, Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg, nannte das Vorgehen der Gronauer eine "unleidliche und gewaltsame Tat," und drohte mit Entzug der Stadtrechte; die Anstifter wurden in Haft genommen, jedoch bald gegen Sicherheit wieder freigelassen. In dem Schlußentscheid des Herzogs von 1593 über diesen Fall erhielt die Stadt ihre sämtlichen Rechte ausdrücklich bestätigt, es hieß darin folgendermaßen:

..."und sollen und wollen sie demnach sich solchen unziemlichen verbotenen und unleidlichen Vornehmens gegen Uns und Unseren Beamten und Diener, wie billig, hinführo enthalten; allen unterthänigen schuldigen Gehorsam und Gebühr im allewege erzeigen und da künftig über Zuversicht, Mißverständnisse zwischen ihnen und Unserm Beamten einfallen thäten, ihre Notdurfft bei Uns als dem Landesfürsten oder Unserer Regierung unterthänig suchen und aller Thätlichkeit sich entäussern und wegen solcher ihrer künftigen gebührlichen Erzeigung, dero Wir uns zu ihnen gnädig und gänzlich versehen, wollen Wir angeregte Unsere Ungnade und befugte rechtmäßige Strafe gegen sie gnädiglich fallen lassen und ihnen angeregte habende und wohlhergebrachte Privilegien und Gerechtigkeiten aus Gnaden nach wie vorhin lassen, ihnen auch dieselben hiemit und in Karft dieses von Neuem concediren, confirmiren und bekräfftigen also: daß sie und gemeine Stadt und Bürgerschaft sich derselben hinführo, inmaßen vorhin beschehen, doch mit unerthäniger gebührlicher Dankbarkeit, zu gebrauchen, zu erfreuen und zu genießen haben sollen und mögen und soll nun hiermit all dasjenige, was sich diesfalls vom Rathe und gemeiner Bürgerschaft samt und sonders gegen Uns und Unser Amt daselbst zugetragen, gänzlich aufgehoben und ihnen solches an ihren Ehren, guten Leumund und Namen unschädlich senn, noch dafür von Jemandt gegen sie angezogen werden".

Trotz dieses günstigen Entscheids wurde aber, wie das Erbregister des Hauses Gronau vom gleichen Jahre 1593 berichtet, dem Städtischem Gericht wieder ein Landvogt beigegeben, der seit geraumer Zeit nicht ernannt gewesen war. Dieser Landvogt sollte Gronauer Bürger sein oder werden, er hatte alljährlich nach der Neuwahl Bürgermeister und Rat für den Landesherrn in Eid und Pflicht zu nehmen, und bei den Sitzungen des kleinen Stubengerichts hatte er das Amt zu vertreten.  Todeswürdige Verbrechen unterstanden ja ohnehin der Gerichtsbarkeit des Amtes. An das Amt gingen auch die Berufungen, sobald eine Partei mit dem Entscheide des Stadtgerichtes einverstanden war. Das Urteil wurde im allgemeinen rasch gefällt, die Strafen waren empfindlich. Unter Umständen konnten sie erlassen werden, doch hatte der Betroffene vorher das eidliche Versprechen abzulegen, daß er gegen den Landesherrn, gegen Amt und Stadt nichts nachteiliges unternehmen wolle. Man nannte das "Urfehde schwören", und für deren strenge Innehaltung hafteten Hab und Gut. Hören wir wenigstens den Anfang einer solchen Urfehde, wie sie köstlich umständlich in dem mehrgenannten Jahre 1593 im Wortlauf festgelegt wurde:

"Nachdem ich oder wir, R. R., durch diese oder jene Veruhrsachung in des hochwürdigen Durchlauchtigen hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Heinrichen Julii, postulierten Bischofen zu Halberstadt und Herzogen zu Braunschweig und Lüneburg, meines oder unsern gnädigen Fürsten und Herrn Hauses und Amts Gronau  Haft und Gefängnis gerathen, deren ich oder wir uf bestehende Vorbitt und Abhandlung erlassen, so thue idemnach ich mich, oder wir uns, hiermit für mich, meine Erben, Erbnehmer und allermänniglichen verpflichten, daß ich oder wir dieser Bestickung halber gegen Hochermelten Unsern gnädigen Fürsten und Herrn Herzogen Heinrichen Julius und alle S. hochfürstl. Gnaden Diener und Untertanen, insonderheit aber gegen dero Amtmann, Vogt, Befehlichhaber und Untersassenn des Amts sowie auch Bürgermeistern, Rath und sämtliche Bürgerschaft und Einwohner der Stadt Gronow nicht Gewaltsames, Täthliches noch Widerrechtliches weder durch mich, uns oder andere thun noch fürnehmen lassen, noch auch Jemandes zu Thun gestatten, sondern Hoch- und Obgemeldete Alle disfalls an Leib und Gut gänzlich gesichert, ihn allen Schaden bleiben und sich im geringsten nichts befahren haben sollen, wie ich, oder wir, dessen zu Gott einen leiblichen Aidt geschworen haben...."

Der Streit zwischen Amt und Stadt um die beiderseitigen rechtlichen Befugnisse hat bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts fortgedauert. Es handelte sich dabei für die Stadt nicht nur um die eigentliche Gerichtsbarkeit, sondern auch um manche andere städtische Rechte, z. B. Beurkundung von Ehen, Schließung der Stadttore, Verfügung über das Feuerlöschwesen, Bestrafung von Ausschreitungen, die im Stadtforst begangen waren, ja sogar um die Frage des unmittelbaren schriftlichen Verkehrs seitens des Rates mit der fürstlichen Regierung. Im Jahre 1797 endlich fiel ein Erkenntnis der juristischen Fakultät der Universität Gießen zugunsten der Stadt aus; sogar das "kleine Stubengericht", dem man einige Zeit vorher die Berechtigung abgesprochen hatte, wurde wieder anerkannt. Natürlich saß dessen Verhandlungen auch weiterhin der Landvogt als fürstlicher Beamter vor, er hieß allerdings jetzt "Stadtvogt" und war wohl immer zugleich der Amtsschreiber des Amtes Gronau (dem späteren Kreissekretär entsprechend). Dieses Amt ist fast hundert Jahre lang von Mitgliedern der Familie Zeppenfeldt ausgeübt. 

Um auch einmal einen Einblick in die Art der Besoldung derartiger Beamter zu vermitteln, sie die Bestallung des Gronauer Amtsschreibers und Stadtvogts Zeppenfeldt vom Jahre 1766 mitgeteilt. Er erhielt, so berichtet die Familienchronik des Archivars Ignaz Zeppenfeldt unter dem 8. Oktober 1766 an Gehalt 50 Taler, einen freien Kothof, an grobem Holz 16 m, an Basen 7 Schock, behufs Anfahren des Holzes anstatt der bisher gehabten Herrendienstuhren 3 Taler 7 mgr (Abk. für Mariengroschen, 1 Taler = 36 mgr), von der Schäferei zu Barfelde 13 Stück Käse, das Recht, in die Mast 4 Schweine frei zu treiben, in der Stadt Gronau bürgerliche Freiheit"ab oneribus publicis" (von öffentlichen Lasten), von den Jahrmärkten in der Stadt das Stättegeld, von allen in Gronau zum feilen Kauf geschlachteten Hornvieh die Zunge und von den Schweinen eine Wurst, eine Wiese vor Wallenstedt, einen Garten am kleinen Steinwege, von den hausierenden einheimischen Juden 1 ggr (Abk. für Gutegroschen, 1 Taler = 24 ggr), den 3. Pfennig von den in der Stadt aufkommenden Brüchten (Abgaben), für Beeidigungen des Rates zu Gronau 18 mgr. samt den übrigen "emolumenten und accidentien" (Nebeneinnahmen und Gelegenheitseinkünften).

Sehr eingehend schreibt das von der Stadt selbst festgelegte Stadtrecht vom Jahre 1563 in 56 Artikeln den Bürgern die Pflichten gegeneinander und gegen den Rat der Stadt vor. Jede Übertretung dieser Satzung wird mit Geldstrafe geahndet. Wer sich widersetzt, wird mit Haft belegt oder aus der Stadt verwiesen. 

Über die Ratsverfassung, die der Stadt wohl von Anbeginn an eignete, haben wir erst aus späterer Zeit genauere Nachrichte, doch läßt sich annehmen, daß sich die städtische Verwaltung des 17. und 18. Jahrhunderts von der des Mittelalters nicht wesentlich unterschied. Demnach bestand der Rat aus dem Bürgermeister, zwei Ratsherren, einem Ober- und einem Unterkämmerer. Dem Rat zur Seite standen zur Beschlußfassung 12 Geschworene (Schöffen, Stadtverordnete, "Deputierte"), von denen 11 Altermänner der Handwerksämter oder Gilden waren, während der Obergeschworene (der heutige Bürgervorsteher=Worthalter) diejenigen Bürger vertrat, die ohne Amt und Gilde waren; er durfte also auch selbst nicht einem Amt oder einer Gilde angehören. Die laufenden städtischen Angelegenheiten erledigte ein besoldeter Sekretär, der rechtskundig sein mußte. Er hatte die Rechtsangelegenheiten der Stadt zu verwalten und bei den Ratssitzungen die Niederschrift zu führen. Die Ämter der Ratsmitglieder waren Ehrenämter mit ganz geringer Entschädigung. So erhielt der Bürgermeister für seine Tätigkeit 20 Taler, 50 Bund Weidenholz und 3 Stück tannene Dielen jährlich. Die Ratsherren und die kämmerer bekamen 8 Taler und ebenfalls 3 Dielen. Diese Dielen wurden anstatt der früheren Einkünfte aus dem ehemaligen Leinezoll verabfolgt. Außerdem standen den Ratsmitgliedern noch einige kleine Nebeneinnahmen zu. Die Geschworenen erhielten gar keine Entschädigung.

Alljährlich wurde der Rat neugewählt, und zwar stets am Montag nach dem Fest der heiligen drei Könige (6. Jan.). Es wählte nicht die gesamte Bürgerschaft, sondern die Geschworenen bestimmten eigene Wahlmänner, die durch den Stadtvogt vereidigt wurden und alsdann die Wahl vornahmen. In den meisten Fällen wählte man an Stelle des ausscheidenden Rates den des Vorjahres, so dass man von einem alten und einem neuen Rat sprach, die einander in der Stadtverwaltung abwechselten. Natürlich wurden, wenn nötig, durch Tod oder aus anderen Gründen entstandene Lücken durch Neuwahl ergänzt oder eben  mißliebige Ratsmitglieder durch andere ersetzt. Die Wahl geschah mit einfacher Stimmenmehrheit. Ihr Ende kündigte die große Kirchenglocke, Bürgerglocke genannt, mit lautem Geläut an. Dieses Zeichen aus metallenem Munde rief jeden Bürger, wie es der Bürgereid vorschrieb, unverzüglich nach dem Rathause. Dort verkündete der Stadtsekretär unter Beobachtung der herkömmlichen Formen und unter dem Jubel des Volkes, die Namen der neuen Ratsmitglieder und auch des Obergeschworenen; denn dieser mußte ohne Ausnahme jedes Jahr neu von den Wahlmännern gewählt werden. Der abgehende Bürgermeister hatte danach sämtliche Ratsmitglieder gastlich zu bewirten, und der Stadtmusikant war verpflichtet, dabei die Tafelmusik zu machen und nachmittags und abends den Wahlmännern und Geschworenen im Ratskeller gegen Bezahlung von einem Taler aufzuspielen. Für die Ausrichtung des Gastmahls bekam der Bürgermeister ein Biergebräu (Bürgermeistergebräu). das stets um die Zeit der Ratsänderung gebraut zu werden pflegte. Den Wein stellten die Ratsmitglieder aus eigenen Mitteln, wobei ihr Rang die Zeche bestimmt; jedoch mußten Neugewwählte etwas mehr beisteuern als die bereits wiederholt Gewählten. Diese Sitten hatten sich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gehalten, als Gronau zum ersten Male preußisch wurde. Die preußische Regierung schaffte den alljährlichen Ratswechsel und also auch die damit verbundenen Bräuche ab. Geblieben bis in unsere Zeit ist das Amt des Stadtmusikanten, der noch immer für seine Dienste einen der Stadt gehörigen Garten in Lehde zur Nutzung überwiesen bekommt und außerdem jährlich 24 Mark bezieht. Dafür muß er an den drei großen christlichen Festen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, vom Kirchturm Choräle blasen.

An dieser Stelle mögen auch die Bestimmungen über den Erweb des Bürgerrechtes und den alten Bürgereid vom Ende des 18. Jahrhunderts Aufnahme finden. Ein Niederschriftenbuch nebst Personenverzeichnis, das seit dem Jahre 1782 im Rathause, wenn auch mit einigen Lücken, geführt wird, berichtet darüber folgendes: "Ein jeder, der ein Bürgerhaus taufet, erheiratet, oder eigentümlich aquiriert (=erwirbt), oder bürgerliche Nahrung zu treiben gesonnen ist, er sei männlichen oder weiblichen Geschlechts, muß sogleich bei E. E. Rathe um Erteilung des Bürgerrechts nachsuchen und, wenn er ein Großbürger- oder Brauhaus annimmt, bar bezahlen:

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1. Bürgergelder

10 Reichsthaler

 
2. Brauergildegleder 20 Reichsthaler  
3. Für 2 lederne Eimer   1 Reichsthaler 24 mgr.
4. Den Pfannengulden   2 Reichsthaler   8 mgr.
5. Für die Beeidigung   18 mgr.
6. Weinkauf des Rathsgartens   18 mgr.
7. Ruten-Geld   10 mgr.
8. por fisco   1 Reichsthaler  
9. Jedem Rathsdiener 3 mgr.     6 mgr.
Summa 36 Reichsthaler 12 mgr.

Wenn er aber ein Kleinbürgerhaus annimmt, so fallen die unter 2 und 4 genannten Beträge fort. Wenn jemand 7 Jahre hier in der Stadt bei einem Reihebürger treu gedient hat, so erhält er das Bürgerrecht unentgeltlich. Er braucht also das Bürger- und Braugeld nicht zu zahlen".

Die vorerwähnten Begriffe "Brauhaus" und "Braugeld" hängen mit der Eigentümlichkeit des Reihebrauens zusammen, die sich in vielen deutschen Städten herausgebildet und zur Einrichtung bestimmter Brauhäuser geführt hatte. Daneben gab es in Gronau jedoch auf Grund des alten Stadtrechtes der Braugerechtsame auch ein städtisches Brauhaus. Es stand da, wo sich heute das Katasteramt (=heute Rathaus) befindet, und hier soll im Jahre 1526 der Braumeister Cord Broyhan aus Stöcken das nach ihm benannte Süßbier zuerst hergestellt haben. Zeitweilig gab es sogar noch eine zweite Brauerei, die der Drost von Dumpfstorff in dem jetzt L. Lichtenberg gehörigen Hause am Steintor (1784 von den Drosten von Bennigsen erbaut) eingerichtet hatte. Schließlich aber gingen beide Brauereien ein. Das erste Brauhaus hat noch zu Anfang unseres Jahrhunderts am Markte gestanden, es diente zuletzt als Lagerplatz für städtisches Eigentum, als Bleibe des Nachtwäcjters und als Spritzenhaus - die oberen Räume waren als Kornböden verpachtet - und ist erst abgebrochen, als an seiner Stelle im Jahre 1907 das heutige Katasteramt (heute Rathaus) erbaut wurde.

Der Wortlaut des Bürgereides war im Jahre 1783 folgender:

"Ihr sollet geloben und schweren einen Eid zu Gott und auf sein heiliges Wort (Evangelium), daß ihr unsern Gnädigsten Landesfürsten und Herrn sowie auch sece vacante (=falls der bischöfliche Stuhl unbesetzt war) einen hochwürdigen Domkapitel getreu und hold, nicht weniger Bürgermeister und Rath dieser Stadt gehorsam sehn, mithin, sooft ihr von demselben allein oder neben anderen Bürgern unter Läutung der Glocke oder sonst gefordert werdet, nicht muthwilliger Weise zurückbleiben, sondern jedesmal erscheinen, das Beste der Stadt und derselben Gerechtsame befördern, auch allen Schaden nach Möglichkeit verhüten, auch selbst keine thun, euren Mitbürgern alle Freundschaft beweisen und in Nöthen beispringen, gegen Bürgermeister und Rath auch nicht ungehorsam oder rebellisch bezeigen, den selben nicht belästern oder schimpfen, sondern vielmehr andern, so in eurer Gegenwart dasselbe zu thun sich unterstehen würden, davon abmahnen, und wenn solches nicht fruchten wollte, davon bei Bürgermeistern und Rath Anzeige thun und selbiges nicht verschweigen, auch überhaupt euch, als einen frommen, getreuen und gehorsamen Bürger eignet und gebühret, verhalten und erweisen wollet. So wahr euch Gott helfe und sein heiliges Evangelium".

Die oben geschilderte Rathsverfassung scheint bis zum Jahre 1803 in Kraft gewesen zu sein. Am 24. April 1815 bekam die Stadt von der hannoverschen Regierung nach dem vorangegangenen vierjährigen Zwischenspiel der ersten preußischen Herrschaft, das nur geringfügige Änderungen brachte, und nach der Herrschaft des Königreichs Westfalen mit seinem dem französischem Gemeindeleben nachgebildeten Bürgermeistereien (Mairie) - eine Verfassung, welche die Grundlage unserer heutigen Stadtordnung geworden ist. Es wurde darin bestimmt, daß die innere Verwaltung der Stadt einen Bürgermeister, der Rechtskenntnisse besitzen mußte, und zwei Senatoren führen sollten. Diese drei Ratsmitglieder bildeten, wie auch jetzt noch, den Magistrat und wurden vom Landesherrn ernannt. Ihnen zur Seite standen vier "Bürgerrepräsentanten", die von der Bürgerschaft gewählt wurden; sie mußten mindestens 1000 Taler Vermögen in Grundstücken oder Werten besitzen. Das Amt eines solchen Bürgervertreters war eine unbesoldete Ehrenstelle, wohingegen die Ratsmitglieder besoldet wurden. Der Bürgermeister bekam 400 Reichstaler jährlich, der 1. Senator, der zugleich Kämmerer war, 100 Reichstaler und der 2. Senator, der Bausenator, 22 Reichstaler und Ggr. Als erste Senatoren werden in der erwähnten Stadtverfassung Kölle und Kuhlemann genannt, etwas später Schneehage. Die Verfassung bestätigte der Stadt das Braurech und gab ihr die Befugnis, mehrere Krugwirtschaften einzurichten. Dagegen wurde ihr das Patronatsrecht über die Schulstellen und die zweit Pfarre beschränkt. Fortan schlug das Konsistorium in Hildesheim zwei geeignete Pfarrbewerber vor, von denen dann die Stadt einen zu wählen hatte. Später erfuhr die Stadtverfassung verschiedene Veränderungen. Die nach 1866 preußischerseits eingeführte Stadtverwaltung unterschied sich von ihren Vorgängerinnen hauptsächlich dadurch, daß Bürgermeister und Senatoren nicht mehr ernannt, sondern von den Bürgervorstehern gewählt wurden, der Bürgermeister auf 12, die Senatoren auf 6 Jahre; die Zahl der Bürgervorsteher betrug bis zum Jahre 1919  8, ihre Wahl erfolgte auf 6 Jahre, durch die nach den damaligen gesetzlichen Bestimmungen wahlberechtigten Bürger.

Nach der Umwälzung von 1918 trat im Jahre 1919 abermals eine Änderung ein: sämtliche über 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Staatsbürger erhielten sowohl das politische wie das Gemeindewahlrecht; in Preußen wurde 1928 die Amtsdauer er Bürgervorsteher einheitlich auf 4 Jahre festgelegt, so daß also künftig die Gemeindevertretungen alle 4 Jahre gewählt werden; ebensolange dauert selbstverständlich auch die Amtszeit der Senatoren, dagegen hat sich an der 12jährigen Amtsdauer für den Bürgermeister nichts geändert. Der grundsätzliche Aufbau der Gronauer Städtischen Kollegien,  hie Rat (Magistrat), hie Bürgervorsteher, ist also all die Zeit hindurch unverändert geblieben. Von 1919 bis 1924 gab es 18, seitdem haben wir 12 Bürgervorsteher.

Bei der Wahl der Stadtverordneten oder Bürgervorsteher wurde im vorigen Jahrhundert die Stadt in 4 Wahlbezirke geteilt, von denen jeder 2 Bürgervorsteher zu wählen hatte; diese sollten möglichst aus dem betreffenden Wahlbezirke stammen. Die Vierteilung war durch das Straßenkreuz bei der Apotheke gegeben. Heute teilt man Gronau nur noch in zwei Bezirke.

Ein außerordentlich bedeutsames Ereignis brachte der Stadt das Jahr 1929. Sie erhielt nämlich auf Antrag von der preußischen Regierung das wirkliche Stadtrecht, während sie bis dahin nach der hannoverschen Städteordnung nur als "Titularstadt" gegolten und der Landesgemeindeordnung, wenn auch nach besonderer Ortssatzung, unterstanden hatte. Nunmehr hat Gronau eigene Polizeigewalt, und eine Reihe von Verwaltungsrechten erhalten, die vorher von dem Landrat ausgeübt wurden.

Den Beschluß  dieses Abschnitte mögen diese Namen der Bürgermeister und Ratsherren machen, die in Gronau während der letzten 140 Jahren gewirkt haben. Sie sind von 1782 bis heute mit zwei größeren Lücken in dem oben erwähnten Niederschriftenbuche ebenso wie die Namen der Bürgervorsteher, Prediger, Lehrer und Stadtdiener aufgezeichnet und stellen, nach Möglichkeit aus alten Rechnungen und sonstigen Urkunden ergänzt, eine Erläuterung zu dem Vorhergesagten dar: man erkennt den jährlichen Wechsel zwischen altem und neuem Rat, der bis zum Jahre 1803 dauerte, und deutlich hebt sich davon die mit der hannoverschen Zeit beginnende Veränderung ab.

1782 Bürgermeister Christian Detmer
  Sekretarius (Akademker) Philipp Bruns
  Senator Konrad Dörrie
  Senator Friedrich Bode
  Oberkämmerer Andreas Helms
  Kämmerer Heinrich Horn
1783 Bürgermeister Alhard Block
  Sekretarius Philipp Bruns
  Senator Hennig Schwarzkopf
  Senator Christian Schnelrath
  Oberkämmerer Ludewig Speitling
  Kämmerer August Plathner
1784 Bürgermeister Andreas Helms
  Sekretarius Philipp Bruns
  Senator Friedrich Helms
  Senator Konrad Dörrie
  Oberkämmerer Christoph Anshelm
  Kämmerer Heinrich Horn
1785 Wie 1783, aber statt Hennig Schwarzkopf: Senator Christian Weber
1786 Wie 1784
1787 Bürgermeister Ludoplph Grave, sonst wie 1785
1788 Wie 1786, nur statt Friedrich Helms: Senator Christian Schnelrath
1789 Wie 1787, , nur statt Christian Schnelrath und Chr. Weber: 
  Senator Friedrich Helms
  Senator Christian Bruns
1790 Wie 1788, nur statt Konrad Dörrie: Senator Heinrich Engelke
1791 Wie 1789, nur statt Christian Bruns: Senator Georg Kölle
1792  Bürgermeister Christoph Anshelm 
  Sekretarius Philipp Bruns 
  Senator Rudolph Schnelrath 
  Senator Heinrich Engelke 
  Oberkämmerer Friedrich Helms 
  Kämmerer Heinrich Horn 
1793  Bürgermeister Ludolph Grave 
  Sekretarius Christoph Picht 
  Senator Heinrich Engelke 
  Senator Georg Kölle 
  Oberkämmerer Ludewig Speitling 
  Kämmerer Johann August Plathner 
1794  Bürgermeister Christoph Anshelm 
  Sekretär Christoph Picht 
1795  Bürgermeister Ludolph Grave (?) 
1796  Bürgermeister Christoph Anshelm 
  Senator Weber 
  Senator Kuhlmann 
  Oberkämmerer Friedrich Helms 
  Kämmerer Heinrich Horn 
1797  Bürgermeister Ludolph Grave 
1798  Bürgermeister Christoph Anshelm 
   
1805  Bürgermeister Plathner 
  Senator Arneke 
  Senator Schnehage 
  Kämmerer Kölle 
  Sekretär Picht 
1806  Bürgermeister Plathner 
  Senator Kuhlemann 
  Kämmerer Brüning 
  Sekretär Picht 
   
1811  Bürgermeister ("Maire") Plathner
1812-1813  Bürgermeister ("Maire") von Rheden 
1814  (Vermutlich auch von Rheden) 
1815  Bürgermeister von Rheden (bis 30. April) 
1815  Bürgermeister Picht (ab 01. Mai) 
  Senator Grave 
  Senator Arneke 
1811-1816  Sekretär Schöpfer 
1816-1820  Bürgermeister Picht 
  Senator und Kämmerer Grave 
  Senator Arneke 
   
1824-1830  Bürgermeister Anton Schramme 
  Senator und Kämmerer Georg Grave 
  Senator Heinrich Schnellrath 
1830 (ab 01.04.) - 1831 Bürgermeister Georg Ludwig Busse 
  sonst wie vorher 
1831 (ab 15.08.) - 1836  Bürgermeister Georg Ludwig Busse 
  Senator Georg Grave 
  Senator und Kämmerer Georg Schnellrath 
1837 - 1840  Bürgermeister Georg Ludwig Busse 
  Senator und Kämmerer Wilhelm Plathner
  Senator Heinrich Schnellrath 
1841 - 1849  Bürgermeister Georg Ludwig Busse 
  Senator Heinrich Schnellrath (bis 01.07.1849) 
  Senator August Mener (bis 01.07.1849) 
  (seit 1849 ist ein hauptamtlicher Kämmerer angestellt) 
1849 - 1850  Bürgermeister Georg Ludwig Busse 
  Senator Heinrich Dörrie 
  Senator August Bueß 
1850 - 1852  Bürgermeister Fr. Bauer, bis 24.05.1850  
  sonst wie vorher
1853 - 1863  Bürgermeister aufust Gericke (Notar)
  sonst wie vorher 
1864  Wie vorher, nur statt Heinrich Dörrie: Senator Christian Pape 
1865 - 1884  Bürgermeister August Gericke († 1891) 
  Senator Christian Pape 
  Senator Louis Möhle 
1885 - 1891  Wie vorher, nur statt Christian Pape: Senator A. Habeney 
1891 - 1894  Bürgermeister Wiegmann 
  Wie vorher, nur statt A Habeney: Senator A. Dörrie, ab 01.07.1892, und statt Louis Möhle: 
  Senator Adolph Gellermann, ab 1893 
1895 - 1899  Bürgermeister Rampoldt (bis März 1899) 
  Senator H. Dörrie 
  Senator A. Gellermann 
1899 - 1904  Bürgermeister Lohde (ab März) 
  Senator Lüpke 
  Senator A. Gellermann 
1905 - 1919  Bürgermeister Lohde 
  Senator Jaster 
  Senator Gellermann 
1920 - 1922  Bürgermeister Lohde 
  Senator Millies 
  Senator Gellermann 
1922 - 1924  Bürgermeister Keuneke 
  Senator Millies 
  Senator Gellermann 
seit 1924  Bürgermeister Keuneke 
  Senator Göttgens, Rechtsanwalt und Notar 
  Senator Allewelt, Schuhmachermeister 

 Die gegenwärtigen Bürgervorsteher sind:

  • Schlosser Friedrich Böse
  • Ziegelmeister August Heidemeyer
  • Hofbesitzer Wilhelm Herin
  • Buchhalter August Keese
  • Gewerkschaftssekretär Hermann Klemm
  • Mühlenbesitzer _Wilhelm Koopmann
  • Frau Else Kölle
  • Bürogehilfe August Kreiensen
  • Schmiedemeister Heinrich Krull
  • Konrektor Adolf Marhenke
  • Arbeiter Friedrich Schlue
  • Lagerhalter Paul Schwichtenberg

Die städtischen Einnahmen und Ausgaben verwaltet die Kämmereikasse, deren Diensträume sich im Rathaus befinden. Seit 1841 waren folgende Kämmerer tätig:

  • 1841 - 1850 August Plathner
  • 1856 - 1861 Nicolai
  • 1861 - 1873 Adolph Gellermann
  • 1873 - 1885 A, Habbeney
  • 1885 - 1895 Polstorff
  • 1895 - 1910 Langspecht
  • 1910 - 1923 Gerowidt
  • seit 1924 E. Beß

 

 

Bitte weiterlesen im Teil 3!

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